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Universität Konstanz - Sommersemester 1998

Seminar: Dr. Helga Kotthoff - Sprachgeschichte des Deutschen

Hausarbeit

Der Weg zur neuen deutschen Rechtschreibung

Ein Überblick über die Geschichte der Bemühungen um eine Reform der deutschen Orthographie zwischen 1901 und 1998

von

Christian Hess

Inhaltsverzeichnis
Vorwort .............................................................................................................. 3
I. Grundlagen
Einleitung ........................................................................................................... 5
Orthographische Prinzipien ................................................................................. 6
Der Weg zur einheitlichen deutschen Orthographie (1800 bis 1901) .................... 9
II. Reformbestrebungen nach 1901
Reforminitiativen in der ersten Jahrhunderthälfte (1901 bis 1952) ........................ 13
Reforminitiativen zwischen 1952 und 1974 ......................................................... 22
Die Tätigkeit des Internationalen Arbeitskreises für Orthographie 

und die Wiener Gespräche (1974 bis 1998) .........................................................

28
III. Die neue deutsche Rechtschreibung .......................................................... 35
Zusammenfassung ............................................................................................... 41
Literaturverzeichnis ............................................................................................. 43

Vorwort

Zum 1. August1998 wurde zumersten Mal seitdem Jahr 1903eine Neuregelung derdeutschen Orthographie vorgenommen.Dieser Rechtschreibreform warenzahlreiche Initiativen vorangegangen,die das Zielverfolgten, die Normder Schreibung zuändern. Die aktuelleRechtschreibreform soll Anlasssein, sich mitder Geschichte dieserReformbemühungen seit derII. Orthographischen Konferenzim Jahr 1901zu befassen.

Im Rahmen einerchronologischen Darstellung werdenin dieser Hausarbeitdie wichtigsten Reformprogrammedes 20. Jahrhundertsvorgestellt und dieAuseinandersetzungen zwischenBefürwortern und Gegnerneiner Orthographiereform beschrieben.

Auch wenn dievorliegende Arbeit keinetiefere Einführung indie Probleme derOrthographietheorie sein soll,findet hier derBegriff der "orthographischenPrinzipien" Verwendung. Dieorthographischen Prinzipien bildendie Grundlage derRechtschreibregeln. Untereinanderstehen die einzelnenPrinzipien oftmals ineinem Spannungsverhältnis,so dass sichbei jeder Kodifizierungder Orthographie dieFrage nach derGewichtung der orthographischenPrinzipien stellt. Damiteignen sie sichals Maßstab jedesReformvorschlags. Eine Untersuchung,wie die verschiedenenInitiativen mit denorthographischen Prinzipien umgegangensind, beantwortet dieFrage, in welcheRichtung die Urheberdes Vorschlags strebten,ob sie beispielsweisedas Ziel einer1:1-Beziehung zwischen Lautungund Schreibung vorAugen hatten odereher auf gleicheSchreibweisen für etymologischverwandte Wörter drängten.Deshalb wird dieFrage nach demUmgang mit denorthographischen Prinzipien innerhalbder Darstellung immerwieder kurz aufgeworfen.

Thema der Hausarbeitist nicht eineBewertung der Vorschlägefür eine Rechtschreibreform:Die Arbeit sollkeine Untersuchung überdie Zweckmäßigkeitder Regelwerke fürSchreiber und Lesersein. Es werdenalso auch keineempirische Daten etwazum Verhältnis vonbestimmten Orthographieregelnzu Rechtschreib- oderLeseschwierigkeiten berücksichtigt.

Die Hausarbeit gliedertsich in dreiTeile. Im erstenTeil werden dieGrundlagen für denGegenstand der Arbeitvermittelt. Diesem Zieldient die Einleitung,der Abschnitt überdie orthographischen Prinzipienund die Darstellungder Vorgeschichte zudem Zeitraum, dereigentlich im Mittelpunktdes Interesses dieserArbeit steht.

Im Hauptteil derArbeit wird dieDiskussion um eineRechtschreibreform beschrieben,die sich beinaheüber das ganze20. Jahrhundert erstreckthat.

Am Schluss derHausarbeit steht eineDarstellung des 1998umgesetzten Reformpakets.

Die verfügbare Literaturzum Thema Orthographieist umfangreich. Insbesonderedie an deraktuellen Rechtschreibreformbeteiligten Wissenschaftler habensich mit zahlreichenPublikationen an dasFachpublikum gewandt. Demgemäßist der überwiegendeTeil der Veröffentlichungenreformfreundlich ausgerichtet.

Einleitung

Der Sinn jederSchrift besteht inder grafischen Darstellungvon Bedeutungen. DieVerfügbarkeit einer geschriebenen Sprachform ermöglicht dieKommunikation trotz räumlicherund zeitlicher Distanz:Sprachprodukte können überdas Medium Schriftim Prinzip unbegrenztkonserviert und transportiertwerden.

Um ihre Funktioneffektiv zu erfüllen,muss die geschriebeneSprache bestimmte Anforderungenerfüllen:

Durch die Normierungder geschriebenen Sprache(= Orthographie, Rechtschreibung)wird ein schnellesoptisches Erfassen derüber die Schriftvermittelten Informationen ermöglicht.Die Orthographie kommtsomit dem Bedürfnisdes Lesers entgegen(siehe Anforderung 1).Gleichzeitig erfordert diestrenge Normierung abereinen hohen Lernaufwand.Die Rechtschreibung kanndeshalb - besondersdem Schreiber -Schwierigkeiten bereiten (Kollisionmit Anforderung 2).

Eine Rechtschreibreformsoll die geltendeOrthographie im Sinneder oben genanntenAnforderungen verbessern. Diein diesem Jahrhunderterarbeiteten Vorschlägefür eine Reformder deutschen Orthographiedienten in ersterLinie dem Ziel,den Bedürfnissen desSchreibers nachzukommen. Dadie Rechtschreibung inunserer Gesellschaft einenhohen Stellenwert besitztund ihre mangelhafteBeherrschung Nachteile fürden Betroffenen zurFolge haben kann,galt es, demSchreiber die Erlernungund Anwendung derOrthographie zu erleichtern.

Eine Orthographiereform mussaber auch dieInteressen des Lesersberücksichtigen: Ihm darfdie Entschlüsselung dergeschriebenen Sprache nichterschwert werden.

Orthographische Prinzipien

Im Verlauf derwissenschaftlichen Beschäftigungmit der Orthographiewurden eine Reihevon Grundprinzipien herausgearbeitet,an denen sichdie Schreibung orientiert.Diese orthographischen Prinzipienbilden die Grundlagefür die orthographischenNormen. Die deutscheRechtschreibung orientiert sichnicht einheitlich aneinem einzigen Prinzip,so dass unterschiedlicheNormen die Schreibungregeln. Die Widersprüchlichkeiteinzelner Normen unddie fehlende eindeutigeHierarchie unter denNormen führt dazu,dass keine Normmit Konsequenz durchgeführtist.

Folgende Prinzipien sindfür die Rechtschreibungder deutschen Sprachevon Bedeutung:

Das phonetisch-phonemische Prinzip

Zur Wiedergabe dergesprochenen deutschen Sprachewird das lateinischeAlphabet verwendet: Mittelsder Buchstaben werdenLautketten dargestellt. Diesesgeschieht allerdings nurnäherungsweise: Regionaleund individuelle Aussprachevariantenwerden nicht wiedergegeben.

Das Phoneminventar desDeutschen umfasst 40Phoneme; das Schreibsystemumfasst nur 30Zeichen (inklusive áßñ).Im Neuhochdeutschen werdeneinerseits unterschiedliche Phonemenur mit einemZeichen dargestellt (z.B. /z/ und/s/ mit ásñ),andererseits werden fürdie Darstellung einesPhonems verschiedene Zeichenverwendet (z. B.für /i:/ áiñ,áieñ und áihñ).

Die Schreibung desDeutschen orientiert sichalso an dergesprochenen Sprache; dasphonetisch-phonemische Prinzipist aber nichtkonsequent durchgeführt.Beispielsweise ist dieDifferenzierung der Längenund Kürzen nichteindeutig. Die grafischeEbene der Sprachebesitzt somit einerelative Autonomie gegenüberder phonologischen Ebene.

Die aus demphonetisch-phonemischen Prinziphergeleitete Norm lautet:"Richte die Schreibungnach der Aussprache!"

Das morphemische (etymologische)Prinzip

Freie Morpheme behaltenim Allgemeinen ihrelautliche und grafischeForm bei, wennsie mit grammatischenMorphemen oder Wortbildungsmorphemenverbunden sind. DerHörer bzw. Leserist dadurch inder Lage, dieBedeutung des Lexemszu erkennen, auchwenn es Teileiner Morphemkette ist(z. B. Tisch,auf-tisch-en).

Die Schreibung etymologischverwandter Wörter (d.h. die Schreibungdes selben Morphemsin verschiedenen Zusammensetzungen)ist also häufigaufeinander abgestimmt. Konsequentist dieses Prinzipbei der Schreibungder Auslautverhärtung durchgeführt:In der Lautungbesteht ein Unterschiedzwischen den imAuslaut stimmlos ausgesprochenenVerschlusslauten ([p], [t],[k]) und denstimmhaften Verschlusslauten[b], [d], [g]im Inlaut beiden flektierten Formen(z. B. [ta:k],[ta:ges]). In derSchreibung wird aufdie Wiedergabe dieseslautlichen Unterschiedes zugunstender Realisierung desmorphemischen bzw. etymologischenPrinzips verzichtet (áTagñ/ áTagesñ).

Der Umlaut wirdhingegen mit geringererKonsequenz zur Kennzeichnungetymologischer Verwandtschaftverwendet (vergleiche Hang/ hängen undBrand / brennen).

Die aus demmorphemischen (etymologischen)Prinzip hergeleitete Normlautet: "Schreibe etymologischverwandte Wörter gleich!"

Das historische (analoge) Prinzip

Schreibkonventionen frühererSprachstufen werden z.T. weitergeführt. Änderungenin der Lautungeines Wortes werdennur langsam undnicht in allenFällen in seinerSchreibung berücksichtigt.Ein Beispiel fürein historisches Reliktaus mittelhochdeutscher Zeitist die Schreibformáieñ für /i:/.Ursprünglich stand áieñfür den Diphthong/ie/. Nach derMonophthongierung des Lautesin der Entwicklungzum Frühneuhochdeutschenwurde die Schreibformbeibehalten (z. B.Knie, Liebe), alsDehnungszeichen aufgefasst undsogar auf Fälleausgedehnt, in denenfrüher kein Diphthongvorlag (z. B.neuhochdeutsch spielen,vergleiche mittelhochdeutschspiln).

Ähnlich verhältes sich beimZeichen áhñ: Inmittelhochdeutsch stahelsteht das áhñin intervokalischer Position.Durch Synkope istder zweite (unbetonte)Vokal verstummt. Dasáhñ nahm dieFunktion eines Dehnungszeichensan (neuhochdeutsch Stahl).

Da nicht nurdie Beibehaltung frühererSchreibkonventionen zu beobachtenist, sondern auchdie analoge Anwendungder Schreibweise auflautlich ähnliche Fälle,wird das historischePrinzip auch dasanaloge Prinzip genannt.

Die aus demhistorischen Prinzip hergeleiteteNorm lautet: "Haltean der Schreibformder älteren Sprachstufenfest!"

Das grammatische Prinzip

Auf das grammatischePrinzip ist dieGroßschreibung von Substantivenim Deutschen zurückzuführen.Substantive werden aufdiese Weise vonanderen Wortarten unterschieden.

Die aus demgrammatischen Prinzip hergeleiteteNorm lautet: "Berücksichtigedie grammatischen Formen!"

Das semantische Prinzip

Auf der grafischenEbene können klanggleicheWörter (Homonyme) durchunterschiedliche Schreibweisenunterschieden werden. Beispielehierfür sind Weisevs. Waise, Lidvs. Lied, Seitevs. Saite, malenvs. mahlen. Dersemantische Unterschied wirdgrafisch erkennbar gemacht.

Die aus demsemantischen Prinzip hergeleiteteNorm lautet: "Schreibeinhaltlich Ungleiches verschieden!"

Das ästhetische Prinzip

Die Einführung undBeibehaltung mancher Schreibformenist allein aufästhetische Gründezurückzuführen. Beispielefür ästhetisch begründeteFormen sind dasDehnungs-h als "Blickfang-h",die Unverträglichkeit derDoppelschreibung von ái,uñ etc. (vergleicheDoppelschreibung von áa,e, oñ), Groß-und Kleinschreibung. Dasästhetische Prinzip spieltin der Diskussionum die Rechtschreibreformeine Rolle.

Die aus demästhetischen Prinzip hergeleiteteNorm lautet: "Achteauf die Schönheiteiner Zeichenverbindung!"

Das syllabisches Prinzip

Die Worttrennung amZeilenende nach Silbenist auf dassyllabische Prinzip zurückzuführen(z. B. Ka-me-rad).Daneben existiert aberauch die aufdem morphematischen Prinzipberuhende Worttrennung anden Morphemgrenzen, vorallem bei Fremdwörternaus dem Griechischenund Lateinischen (z.B. Päd-ago-gik).

Die aus demsyllabischen Prinzip hergeleiteteNorm lautet: "TrenneWörter am Zeilenendean den Silbengrenzen!"

Der Weg zur einheitlichen deutschen Orthographie (1800 bis 1901)

Zu Beginn des19. Jahrhunderts existiertemit dem RegelwerkJ. Ch. Adelungs ein Leitfadenfür die Rechtschreibungdes Deutschen, derin weiten KreisenAnerkennung fand. Dennochgab es weiterhinzahlreiche Schwankungsfälle,in denen keinKonsens über dieSchreibweise herzustellen war(z. B. Har/Haar,Hilfe/Hülfe, Preis geben/preisgeben). Das Haupthindernisfür eine verbindlicheKodifizierung der Rechtschreibunglag in derfehlenden staatlichen Einheitdes deutschen Sprachraums,da es imDeutschland der vielenEinzelstaaten an einerAutorität mangelte, diein der Lagewar, ein obligatesRegelwerk durchzusetzen. Gleichzeitigwuchs jedoch mitder fortschreitenden technisch-wirtschaftlichenEntwicklung im 19.Jahrhundert die Bedeutungschriftlicher Kommunikation unddamit das Bedürfnisnach klaren orthographischenRegeln für Schulen,Druckgewerbe, Unternehmen undBehörden.

Die Diskussion umeine Reform derdeutschen Orthographie wurdein der erstenHälfte des 19.Jahrhunderts durch dasAufkommen der historischenSprachwissenschaft neu belebt.In Auseinandersetzung mitder adelungschen Orthographieentwickelten Sprachwissenschaftlerwie Jacob Grimmund Karl Weinholddie Grundgedanken einerRechtschreibung, die nachmittelhochdeutschem Muster gestaltetwerden sollte. Diedurch die sprachlicheEntwicklung des Neuhochdeutschenentstandenen Abweichungen vomhistorischen Vorbild wurdenals Verfallserscheinungen gewertet.Grimm erhoffte sichvon der Rückführungder Schreibung aufältere Phasen derSprachgeschichte, dass diemittelhochdeutschen Sprachdenkmälereinem größeren Leserkreisnäher gebracht werdenkönnten. Die tatsächlichengesellschaftlichen Erfordernisseder Zeit berücksichtigtediese "historische Schule"allerdings kaum.

Um Rudolf vonRaumer entstand dierivalisierende "phonetische Schule".Ihr Grundsatz war,dass sich dieOrthographie an derLautung zu orientierenhabe. Während eineradikale Strömung einekonsequent verwirklichte 1:1-Beziehungzwischen Lautung undSchreibung anstrebte, suchteeine gemäßigte Richtung,auf dem herrschendenSchreibgebrauch aufzubauen undnur maßvolle Verbesserungenvorzunehmen. Den Vertreterndieser gemäßigtenRichtung war derErfolg beschieden, maßgeblichzur Vereinheitlichung derdeutschen Orthographie beizutragen.Dieser Erfolg isteinerseits auf dieKlarheit des phonetischenPrinzips zurückzuführen,andererseits auf dieBereitschaft, auch dashistorische Prinzip zuberücksichtigen.

Doch zunächst verstärktedie Auseinandersetzung zwischenden beiden orthographischenRichtungen die Unklarheitenauf dem Gebietder Rechtschreibung: Schüler,die an eineandere Schule wechselten,hatten sich aufeine andere Rechtschreibungeinzustellen; oft wurdengar an einerSchule unterschiedliche Rechtschreibungengelehrt - jenach der orthographischenRichtung, der derunterrichtende Lehrer anhang.Die Kultusministerien derLänder versuchten diesemMissstand abzuhelfen, indemsie seit denfünfziger Jahren des19. Jahrhunderts Regelbüchermit einzelstaatlichem Geltungsbereicheinführten.

Nach der Gründungdes Deutschen Reiches1871 schien sichdie Möglichkeit zubieten, auch aufdem Gebiet derRechtschreibung eine Einigungzu erlangen. Aufeiner Konferenz mitDelegierten der Kultusministeriender Bundesländer überFragen des höherenSchulwesens kam auchdie Frage einerEinigung der deutschenOrthographie zur Sprache.Im Anschluss andiese Konferenz beauftragteder preußische KultusministerFalk von Raumermit der Erarbeitungeines Regelentwurfs.

Auf der späterso genannten I. Orthographischen Konferenz zwischen dem4. und 15.Januar 1876 inBerlin wurde derEntwurf Raumers beraten.Raumers Entwurf beruhteauf dem BerlinerRegelbuch von 1871.Raumers Änderungsvorschlägegegenüber dem Schreibgebrauchwaren behutsam: Einschränkungdes Gebrauchs vonáthñ, Ersetzungder Endung -irendurch -ieren, Ersetzungdes ácñ inFremdwörtern durch ákñoder ázñ (z.B. Centner),Beseitigung von ádtñin tot undtöten zugunsten vonátñ. In einerzweiten Vorlage fürdie Konferenzteilnehmer, dieals Erläuterung zuseinem Regelwerk dienensollte, regte Raumerdarüber hinaus eineEinschränkung des Gebrauchsder auf Vokalefolgenden Dehnungszeichen (Dehnungs-áhñ,Doppelgrapheme) an: DieLänge sollte nurnoch bei denVokalphonemen /e:/ und/i:/ gekennzeichnet werden,nicht bei /a:/,/o:/ und /u:/.Während die meistenÄnderungsvorschläge Raumersmit großer Mehrheitangenommen wurden, wurdedie Frage dergrafischen Kennzeichnung derVokalquantitäten heftigdiskutiert. Schließlichwurde beschlossen, auchdiesen Änderungsvorschlaganzunehmen.

Insbesondere die radikaleNeuregelung im Bereichder Vokalquantität stießauf entschiedenen Widerspruchin der Öffentlichkeit.Angesichts dieser Protestesahen die Länderregierungenvon einer Einführungder neuen Rechtschreibungab. Der preußischeKultusminister Falk begründetediesen Schritt mitder Befürchtung, dieDurchsetzung der Reformkönne eine Spaltungder deutschen Rechtschreibungin eine amtlichsanktionierte Schulorthographieund einen außerschulischenSchreibgebrauch nach sichziehen. Der ersteErfolg versprechende Versucheiner einheitlichen Kodifizierungder Rechtschreibung (aufReichsebene) scheiterte soan der mangelndenBerücksichtigung des herrschendenSchreibgebrauchs bei derKennzeichnung der Vokalquantitäten.

Von Raumers Arbeitsollte jedoch nichtvergebens gewesen sein:Sie wurde dieGrundlage der vonW. Wilmanns imAuftrag des preußischenKultusministers von Puttkamererarbeiteten preußischen Schulorthographie (seit 1880im Gebrauch). VonRaumers Vorschlag zurKennzeichnung der Vokalquantitätenwurde darin allerdingsnicht fortgeführt. AndereLänder gaben Schulorthographienheraus, die sicheng an daspreußische Regelwerk anlehnten,oder übernahmen eszur Gänze. Konrad Duden gab noch imJahr 1880 sein"Vollständiges Wörterbuchder deutschen Sprache"in erster Auflageheraus. Indem dasWörterbuch die raumerschenRegeln auf einenerweiterten Wortschatz anwendete(27000 Wörter gegenüber3300), trug eserheblich zur Verbreitungder preußischen Regelnauch im außerschulischenBereich bei. Inder Schweiz wurdeder Orthographie desDuden-Wörterbuches 1892von amtlicher SeiteGeltung verliehen. InDeutschland wurden imJahr 1900 bereitsfünf Sechstel derBücher und dreiFünftel der Zeitschriftennach der preußischenRechtschreibung gedruckt.

1899 wurde jedochplötzlich von einemTeil der Reichsbehördenversucht, die rückwärtsgewandte Orthographie desBürgerlichen Gesetzbuchesfür den amtlichenVerkehr durchzusetzen. Gegendiese Kampagne richtetesich der entschiedeneWiderstand des "AllgemeinenDeutschen Sprachvereins", deswürttembergischen Gymnasiallehrervereinsund des "Börsenvereinsder deutschen Buchhändler".Das Wiederaufleben derDiskussion um diedeutsche Rechtschreibung führtedazu, dass sichauch die Politikdes Themas wiederannahm: Im Juni1900 fand impreußischen Kultusministeriumin Anwesenheit vonDuden und Wilmannseine Beratung überdie orthographische Fragestatt; auf VorschlagWürttembergs lud derReichsinnenminister im Februar1901 die Länderzur Entsendung vonDelegierten zu einerKonferenz über diedeutsche Rechtschreibung ein.Die "Beratungen überdie Einheitlichkeit derdeutschen Rechtschreibung" (dieso genannte II. Orthographische Konferenz) fanden vom17. bis 19.Juni 1901 inBerlin statt. DieTeilnehmer der Konferenzwaren Vertreter derLänderregierungen und Reichsämter,der österreichischen Schulverwaltung,des Buchhandels, desDruckgewerbes sowie Sprachwissenschaftler(darunter Duden undWilmanns). Die Grundlageder Beratungen wareine überarbeitete Fassungder preußischen Schulorthographie.Vorrangiges Ziel derKonferenz war, endlicheine einheitliche Rechtschreibungfür den deutschenSprachraum verbindlich festzulegen.Es wurden nurgeringfügige Veränderungenan der geltendenSchulorthographie vorgenommen:

- die Schreibungvon áthñ indeutschen Wörtern entfällt(z. B. Thür/ Tür)

- ácñ inassimilierten Fremdwörternwird durch ákñoder ázñ ersetzt

- ástñ wirdnicht getrennt

- in Zweifelsfällenwird die Kleinschreibungempfohlen

- für einigeEinzelfälle wird dieSchreibung geregelt

Weitergehende Reformvorschlägefanden keine Mehrheit.So wurden folgendeVorschläge abgelehnt:

- die Vereinfachungder Groß- undKleinschreibung

- der Fortfallder Silbentrennungsregel

- die Einschränkungder Vokalverdoppelung

- die Ersetzungvon áthñ, áphñund árhñ inFremdwörtern durch átñ,áfñ und árñ

Orthographietheoretische Diskussionenwurden auf dernur dreitägigen Konferenzvermieden. Man hatteaus der gescheitertenI. Orthographischen Konferenzgelernt und Reformwünscheder rechtschreiblichen Einigunguntergeordnet. Regelungen fürdie Zeichensetzung sowiedie Getrennt- undZusammenschreibung wurden überhauptnicht behandelt.

Am 18. Dezember1902 beschloss derBundesrat gemäß einerVorlage des stellvertretendenReichskanzlers Posadowsky dieBundesregierungen zu ersuchen,die neue Rechtschreibungzum 1. Januar1903 für denAmtsverkehr und zumBeginn des Schuljahres1903/1904 in denSchulen einzuführen. AuchÖsterreich und dieSchweiz führten dieneue Rechtschreibung ein.K. Duden setztedie Beschlüsse bereitsin der 7.Auflage seines "OrthographischenWörterbuches" von 1902um.

Die Presse nahmdie Neuregelung derdeutschen Rechtschreibung überwiegendpositiv auf. Begrüßtwurde die erreichteEinheitlichkeit der Orthographie.Auch die Behutsamkeitder Reformer imUmgang mit dergeltenden Rechtschreibung fandlobende Erwähnung. Gleichzeitigwurde jedoch auchKritik an derDürftigkeit der vereinfachendenReformen geäußert.

Reformbestrebungen nach 1901

Reforminitiativen in der ersten Jahrhunderthälfte (1901 bis 1952)

Die Teilnehmer derII. Orthographischen Konferenzwaren sich bewusst,dass die neueRechtschreibung nach wievor zahlreiche Mängelaufwies. So urteilteK. Duden imVorwort zur 7.Auflage seines Wörterbuches(1902), "dass dieso entstandene 'deutscheRechtschreibung' weit davonentfernt ist, einMeisterwerk zu sein."

Oskar Brenner, Universitätsprofessorin Würzburg undeiner der beidenbayerischen Vertreter aufder II. OrthographischenKonferenz, stellte bereits1902 sein Konzeptfür eine Rechtschreibreformvor. Die neueRechtschreibung sollte nachden folgenden Grundsätzengestaltet werden:

Brenner strebte alsoeine engere Orientierungder Orthographie amphonetisch-phonemischen Prinzipan, ohne allerdingsauf das morphemischePrinzip (Stichwort: fehlendeDarstellung der Auslautverhärtung)ganz verzichten zuwollen.

Die Jahre nachder Einführung derneuen Rechtschreibung 1901sind von Klagenüber die nachwie vor zahlreichvorhandenen Doppelformen(z. B. Quarkund Quarg) geprägt.Insbesondere Buchdrucker, Schulenund Behörden fordertenden Abbau derrechtschreiblichen Variantenund klare orthographischeVorgaben. K. Dudenkam zumindest denDruckereien entgegen, alser 1903 die"Rechtschreibung der Buchdruckereiendeutscher Sprache" veröffentlichte,in der erviele Doppelformen eliminierte.Die Kultusministerien gabenRegelbücher heraus, dieEmpfehlungen für gewisseSchreibformen gaben, indemsie Nebenformen nurin Klammern gesetztwiedergaben. Dem Bedarfder Behörden nachgrößerer Einheitlichkeitin der Rechtschreibungwurde durch dieEinführung eines "AmtlichenWörterverzeichnisses fürden Gebrauch inden preußischen Kanzleien"(1903), das auchin den anderenLändern des ReichsVerwendung fand, Genügegetan. Mit derVereinigung des Buchdrucker-Dudensmit dem allgemeinenDuden 1915 (Duden,9. Auflage) entfieleneinige Doppelschreibungen gänzlich.Das Problem derDoppelschreibungen war damitweitgehend gelöst. DieVerschmelzung des Buchdrucker-Dudensmit dem OrthographischenWörterbuch bedeutete aberauch eine Ausweitungdes Inhalts desWörterbuchs um Zusatzregelnund Kommentare, dieeigentlich nur alshilfreiche Ergänzung fürSetzer und Korrektorenerdacht waren, nunaber auch fürden allgemeinen Schreibgebrauchzur Norm erhobenwurden. Mit der9. Auflage desDuden begann dievon der Dudenredaktionvorgenommene Erweiterung undAusdifferenzierung des ursprünglichenamtlichen Regelwerks.

Zehn Jahre nachBrenners Reforminitiative erschienendie Ergebnisse dessogenannten "Kosog'schen Diktats"(1912). O. Kosogwollte mit diesemRechtschreibtest die Problematikder Groß- undKleinschreibregel im Deutschenaufzeigen. Die Versuchemit dem Diktat"Aus dem Testamenteiner Mutter" belegten,dass die Beherrschungder geltenden Regelungfast unmöglich war:Die geringste erreichteFehlerzahl lag beivier Regelverstößen,Kosog selbst machtetrotz Kenntnis desTextes fünf Fehler.

Während des 1.Weltkriegs wurden vermehrtdeutsch-nationale Argumente füreine Rechtschreibreform angeführt.Eine Vereinfachung derRechtschreibung sollte zurVerbreitung der deutschenSprache und desDeutschtums beitragen sowieökonomischen Nutzen durchEinsparungsmöglichkeiten beimLernaufwand und beimPapierverbrauch bringen.

In der Weimarer Republik wurde erstmalsseit 1901 vonoffizieller Seite einVersuch zu einerRechtschreibreform unternommen.Die Umstände füreine Reform schieneninsofern günstig zusein, als durchden politischen Umbruchohnehin eine Neubearbeitungder Schulbücher notwendigwar. Auf zweiVorbesprechungen zur Reichsschulkonferenzam 20.10. und28.11.1919 wurde eineweitreichende Neuordnung derRechtschreibung sowie dieEinberufung einer Sachverständigenkommissionzu deren Vorbereitungbeschlossen. Der Ausschussmit Vertretern desReichsinnenministeriums, derUnterrichtsministerien einigerdeutscher Länder, Österreichsund der Schweizsowie Delegierter interessierterBerufsverbände und Vereinetrat am 27.1.1920zusammen. Seine Vorschlägesahen folgende Reformenvor:

Die Vorschläge stießenauf heftige Proteste.Dabei wurden insbesondereökonomische und nationaleArgumente gegen dieReform ins Feldgeführt. Das Vorhabeneiner Rechtschreibreform wurdeals selbstmörderischer Umgangmit der eigenenSprache, "dem einzigenGute, das unsdie Feinde bisjetzt noch nichtzu nehmen versuchthaben", bezeichnet.Den Reformbefürwortern wurdeder Vorwurf des"orthographischen Bolschewismus" gemacht. Die Buchhändlerzählten zu denschärfsten Gegnern einerReform; sie fürchtetenerhebliche Einbußen durchdie Entwertung desvorhandenen Büchervorrats.Aber auch dieFinanzminister des Reichsund Preußens warntenvor den großenKosten einer Umstellungin den Behörden,unter anderem seienim Falle einerReform die Schreibmaschinenin ihrer bisherigenForm nicht mehrverwendungsfähig. Nebender pauschalen Ablehnungder Rechtschreibreform wurdein sachlicheren Auseinandersetzungenmit den Vorschlägenvor allem Kritikan der Aufgabeder Substantivgroßschreibunggeübt.

Infolge des Proteststurmsbeschloss der Reichsschulausschussam 30.10.1920 einenneuen Sachverständigenausschusseinzusetzen, der dieReformvorschläge überarbeitensollte. Nach mehrerenSitzungen konnte derAusschuss am 8.4.1921die "Leitsätze ausder Sachverständigen-Beratungüber die Vereinfachungder Rechtschreibung" vorlegen:

Das Schwergewicht diesesabgeschwächten Reformvorschlagslag im Anliegen,Diskrepanzen zwischen demPhonem- und Graphemsystemzu beseitigen.

Auch dieser Vorschlagscheiterte an demunüberwindlichen Widerstandder Reformgegner unddem vergifteten innenpolitischenKlima der WeimarerRepublik, das einesachliche Diskussion unmöglichmachte. So stellteder Reichsschulausschuss imJuni 1921 dieReformbemühungen ein, indemer verlauten ließ:"Der Reichsschulausschußhält eine durchgreifendeVereinfachung der deutschenRechtschreibung an sichfür wünschenswert.Es muß jedochdafür eine Zeitabgewartet werden, inder Deutschlands Lagesich ganz entschiedengebessert und dieNeuordnung des Schulwesenseinen gewissen Abschlußgefunden hat."

In den Jahrennach der gescheitertenReform erlahmten dieBemühungen um eineÄnderung der Orthographieetwas.

In der Schweizwurde allerdings 1924von Reformanhängern der"bund für vereinfachte rechtschreibung"(bvr) gegründet, derinsbesondere die Substantivkleinschreibungpropagierte.

Seit Ende derzwanziger Jahre tratenauch die deutschenReformfreude wieder andie Öffentlichkeit. Einigeregionale Lehrerverbändeergriffen die Initiative,um die Orthographie-Diskussionneu zu beleben.Von größerer Bedeutungwar der Reformplandes Leipziger Lehrervereinsvom Mai 1931. In vier zeitlichaufeinander folgenden Stufensollte die Normder Schreibung deutlichverändert werden. Dieerste Stufe sahvor allem dievollständige Kleinschreibungvor, spätere Stufensollten die Abschaffungvon Dehnungs- undKürzebezeichnungen und dieErsetzung einzelner Graphemedurch andere, diefür den gleichenLaut stehen, (z.B. Ersetzung desávñ durch áfñ)bringen. In derletzten Phase solltengemäß dem Parole"ein Laut =ein Buchstabe" dieGraphemverbindungen áschñund ángñ durcháòñ undáñ ersetzt sein. Die Reformer wolltenmit diesem Programmdas phonetisch-phonemische Prinzipkonsequent verwirklichen.

Auch die Buchdruckerbefassten sich mitVorschlägen für eineOrthographiereform. Der "Bildungsverbandder Deutschen Buchdrucker"führte im Maiund Juni 1931unter Buchdruckern eineUmfrage zur Reformdebattedurch. Von 24421Befragten sprach sicheine Mehrheit von53,7% für dieso genannte gemäßigteKleinschreibung (d. i.die Beschränkung derGroßschreibung auf Satzanfänge,geographische und Eigennamen)aus, 24,9% votiertenfür die Substantivgroßschreibungund 21,4% fürdie absolute Kleinschreibung.Auf der Grundlagedieser Umfrage beschlossnoch im selbenJahr der 7.Vertretertag des "Bildungsverbandesder Deutschen Buchdrucker"in Erfurt, folgendeForderungen für eine"bald zu verwirklichendeMindestreform":

Dieser Reformplan strebteim Vergleich zumVorschlag des LeipzigerLehrervereins eine gemäßigtereUmsetzung des phonetisch-phonemischenPrinzips an. DieReform sollte auchdem morphemischen Prinzipstärkere Geltung verschaffen(Punkt 10).

Der Buchdrucker-Bildungsverbandbegründete die Notwendigkeiteiner Reform mitden Problemen mitder alten Schreibungim Produktionsgang desDruckgewerbes, der zuzeitaufwendigen Regelvermittlungim Schulunterricht undder veränderten Formauffassungder modernen Zeit.

Über das Stadiumder Diskussion gelangtenweder der Reformvorschlagdes Leipziger Lehrervereinsnoch der desBuchdrucker-Bildungsverbandes hinaus.Auch wenn sichzur Zeit derWeimarer Republik breitereKreise reformaufgeschlossen zeigtenund eine Reformim Zeichen desneuen "ingenieurmäßigen",sachlichen Denkens herbeiwünschten,ließ sich eineRechtschreibreform nicht verwirklichen.Den Reformern standeneinflussreiche Gegner gegenüber,die ihre Kritikoftmals in einevölkisch-nationalistischen Argumentationkleideten. Vom Vorsitzendendes Rechtschreibausschusses desLeipziger Lehrervereins E.Buchholz ist eineAussage überliefert, dieeinen Einblick indie Interessenverteilung derZeit gibt:

Die Politik zeigtesich in derEndphase der Republikangesichts anderer Problemedesinteressiert an einerRechtschreibreform und soverliefen die Reformbemühungenim Sande.

Auch im Dritten Reich verstummte die Diskussionum eine Orthographiereformnicht. Dieser Meinungsaustauschstand jedoch ganzim Zeichen desvölkischen Nationalismus:Die Reformanhänger argumentiertenmit der Notwendigkeiteiner leichteren Erlernbarkeitder Rechtschreibung, umKräfte für produktiveArbeit zum Wohlder Nation freizumachenund um dieAusbreitung deutschen Kulturgutesauf ganz Europazu fördern. DieReformgegner sahen hingegenin der traditionellenOrthographie das verbindendeBand der Deutschenin und außerhalbdes Reiches undbetrachteten die orthographischenSchwierigkeiten als Mittelzur Auslese vonMinderwertigen.

Im Kriegsjahr 1944wurden plötzlich durchden Reichsminister fürWissenschaft, Erziehung undVolksbildung Rust ineiner neuen Ausgabeder "Regeln fürdie deutsche Rechtschreibung"deutliche Änderungen ander Orthographie vorgenommen.Die hervorstechendste Maßnahmewar die Eindeutschungder Fremdwörter durchErsetzung des áphñdurch áfñ (z.B. Filosof), áthñdurch átñ, árhñdurch árñ. Diealten Schreibweisen bliebenallerdings weiterhin gültig.Daneben wurden dieZeichensetzungsregeln liberalisiertund in einigenFälle Änderungen imBereich der Groß-und Kleinschreibung vorgenommen.Das neue Regelwerkstieß jedoch beider Bevölkerung, insbesonderebei Gebildeten, aufAblehnung, wie einGeheimbericht des Propagandaministeriumsfeststellte: Auf Unverständnissei das Vorhabeneiner Rechtschreibreform inschwersten Zeiten gestoßen,Kritik habe sichgegen das Vorhabender Eindeutschung vonvertrauten Fremdwörterngerichtet. Diese kleineRechtschreibreform hatte inden Kriegswirren keineAussicht auf Erfolg.Mit dem Endeder Diktatur gingauch die Reformendgültig unter.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs schien sichdie Chance zumNeubeginn auch imBereich der Rechtschreibungzu bieten: EinGroßteil der Buchbeständewar im Kriegvernichtet worden unddie Schulbücher musstenohnehin gänzlich überarbeitetwerden, um sievon der faschistischenIdeologie zu befreien.Die Reformanhänger argumentiertenmit dem zuerwartenden ökonomischenEinsparungseffekt durch eineRechtschreibungsvereinfachung undder sozialen unddemokratischen Wirkung einerReform, die dieOrthographie für breitereSchichten beherrschbar machenwürde.

Bei der Durchführungeiner Reform waraber Eile angebracht,da sie möglichstvor der Wiederaufnahmeder Buchproduktion stattzufindenhatte.

Unter den verschiedenReforminitiativen der unmittelbarenNachkriegszeit sind besondersdie in dersowjetischen Besatzungszone entworfenen"Vorschläge des Vorausschusseszur Bearbeitung derFrage der Rechtschreibreformbei der deutschenVerwaltung für Volksbildung"(Berliner Programm) vom17. April 1946hervorzuheben. Eine Kommissionaus Lehrern undGermanisten stellte folgendeForderungen an eineneue Rechtschreibung:

Im Herbst 1946legte der Ausschussein überarbeitetes Programmvor, in demauf einige Forderungenverzichtet wurde. FolgendeProgrammpunkte entfielen gegenüberder ers-ten Fassung: Auch in derabgeschwächten zweiten Fassungsteht noch -neben dem Wunschnach gemäßigter Kleinschreibung- das Bemühenum eine Angleichungim Bereich derPhonem-Graphem-Beziehungen imVordergrund. Das Schriftbildhätte sich durchdie Veränderung zahlreicherWörter augenfälligverändert. Die Kennzeichnungetymologischer Verwandtschaftsverhältnissewäre dabei inden Hintergrund gerückt:z. B. beider Schreibung haus- heuser stattHaus - Häuser.

Der Präsident der"deutschen Zentralverwaltungfür Volksbildung" inder sowjetischen BesatzungszoneP. Wandel initiierteVerhandlungen mit zuständigenStellen in denwestlichen Zonen. FürEnde des Jahres1946 war eineKonferenz in Berlinmit Vertretern vonBehörden, Lehrerschaft,Germanisten und andererGruppen aus dersowjetischen, amerikanischenund britischen Zonegeplant. Doch gegeneine Reform aufder Grundlage desBerliner Programms herrschtenv. a. aufwestlicher Seite massiveVorbehalte. Die Reformgegnerverwiesen auf diewirtschaftlichen Schwierigkeiten,die Gefahr desVerlustes der kulturellenEinheit Deutschlands unddes deutschen Sprachraums(es war unklar,ob die Schweizund Österreich indie Reform einbezogenworden wären) undeine geistige Verflachungdurch die Rechtschreibungsvereinfachung.Hinzu trat daswestliche Misstrauen gegenübereiner Initiative ausdem sowjetisch beherrschtenOsten. Die BerlinerKonferenz scheiterte soschon im Vorfeld.Der günstige Zeitpunktfür eine Reformwar verstrichen, alssowohl die Schulbücherwie auch derDuden im Jahr1947 in deralten Schreibweise herausgegebenwurden.

Erwähnenswerte Reforminitiativender unmittelbaren Nachkriegszeitsind ferner:

Keiner dieser Vorschlägewurde von einerstaatlichen Stelle aufgegriffen.Alle blieben imStadium der Diskussionstecken.

Hindernis für eineerfolgreiche Rechtschreibreformwar gewiss diestaatliche Teilung Deutschlandsund die Erschwerungder überstaatlichen Zusammenarbeitim beginnenden KaltenKrieg, doch darüberhinaus bestanden auchweit verbreitete Vorbehaltegegenüber einer Reform,die das gewohnteSchriftbild stark veränderthätte.

Reforminitiativen zwischen 1952 und 1974

Im Jahr 1952wurde ein neuerAnlauf zu einerRechtschreibreform unternommen,der richtungsweisend fürdie Initiativen derfolgenden Jahrzehnte war.Im November diesesJahres kamen aufInitiative des Generalsekrätersdes Instituts fürAuslandsbeziehungen in StuttgartFranz Thierfelder Sachverständigeaus der Bundesrepublik,der DDR, Österreichund der Schweizin Konstanz zusammen.Anlass für diesesTreffen war dieSorge um denErhalt der Einheitdes deutschen Sprachraums.Die Teilnehmer sahendiese bedroht angesichtsder Vielzahl vonReformentwürfen sowie schweizerischen,österreichischen und ostdeutschenBestrebungen, vom Dudenabweichende Regelwerke einzuführen.Auf der erstenSitzung in Konstanzgab man sichden Namen "Arbeitsgemeinschaft für Sprachpflege". Im folgendenJahr forderte diebundesdeutsche Kultusministerkonferenzdie Arbeitsgemeinschaft auf,Material für eineVerbesserung der Rechtschreibungzu sammeln. Aufder zweiten Sitzungder Arbeitsgemeinschaft imJuni 1953 inSalzburg konnte bereitsein Reformkonzept vorgelegtwerden. Dieses Konzeptwurde im Novemberdes Jahres inSchaffhausen überarbeitetund nach derSchlusssitzung der Arbeitsgemeinschaftam 15. und16. Mai 1954in Stuttgart derÖffentlichkeit vorgestellt.Die so genannten"Stuttgarter Empfehlungen" lauteten:

Wichtigster Reformpunkt wardie Einführung dergemäßigten Kleinschreibung,die auch schonin den meistenvorangegangenen Programmen enthaltenwar. Die Änderungswünschebezüglich der Vereinfachungder Phonem-Graphem-Beziehungenwaren dagegen zurückgetreten.Die gravierendsten Eingriffein das Schriftbildwaren als Zusatzüberlegungenaus den eigentlichenEmpfehlungen ausgegliedert worden.Man nahm damitstärker als inden meisten früherenVorschlägen Rücksichtauf das historischePrinzip in derOrthographie und aufdie verbreiteten Widerständegegen eine Änderungdes gewohnten Schriftbildes.Zu dieser Umorientierunggehörte es, dassProblembereiche der deutschenRechtschreibung in denStuttgarter Empfehlungen Beachtungfanden, die invorausgegangenen Programmen weitgehendunberücksichtigt gebliebenwaren: die Getrennt-und Zusammenschreibung, dieVereinfachung der Zeichensetzung(speziell der Kommasetzung),die Schreibung französischerFremdwörter und dieSilbentrennung. Anlass fürdiese Verschiebung derGewichtung der Reformpunktewar die Einsicht,dass eine durchgreifendeÄnderung des Schriftbildeszur Durchsetzung desphonologischen Prinzips vonder Sprachgemeinschaft nichtangenommen werden würde.

Trotz des gebremstenReformeifers löste dieVeröffentlichung der Pläneeine heftig undin den meistenFällen unsachlich geführteDiskussion aus. Gewichthatte dabei vorallem die ablehnendeHaltung der SchriftstellerThomas Mann, HermannHesse und FriedrichDürrenmatt, die allerdingsauf einer grobverfälschenden Darstellungdes Reformvorschlags durchdie Schweizer Zeitschrift"Weltwoche" beruhte. Auchdie "Deutsche Akademiefür Sprache undDichtung", in dervor allem SchriftstellerMitglieder waren, beurteiltedie Reform negativ.Im Allgemeinen beklagtendie Kritiker derReform die Aufgabenationalen Kulturerbes unddie Primitivierung vonSchreibung und Sprache.Auf die Spitzegetrieben wurde dieKritik am Vorschlagder Arbeitsgemeinschaft voneiner Reihe vonReformfeinden, die hinterdem Vorhaben zurÄnderung der SchreibungBestrebungen des politischenGegners auf derjeweils anderen Seitedes Eisernen Vorhangswitterten: Während imWesten den Reformernvorgehalten wurde, sieseien linksorientierte Revoluzzer,war im Ostenvon einem Projektder Feinde desKommunismus die Rede,die mit derReformdebatte von derEingliederung der Bundesrepublikin den antisowjetischenMilitärblock ablenken undmittels einer Veränderungdes Schriftbilds denLesern den Zugangzu den marxistischenKlassikern erschweren wollten.

Angesichts der Unfriedenstiftenden Diskussion sahsich die bundesdeutscheKultusministerkonferenz im November1955 veranlasst, dieVerbindlichkeit der 1901festgelegten Regeln fürdie deutsche Rechtschreibungzu bekräftigen. InZweifelsfällen sollten dieim Duden gebrauchtenSchreibweisen maßgebendsein. Damit erhieltder Duden aufgrundder ausbleibenden Fortführungder amtlichen Regelbüchereine quasi-amtliche Stellungin der Bundesrepublik. In der DDRwurde 1959 einähnlicher Beschluss gefasst.

Im Mai 1956berief der deutscheBundesinnenminister und diebundesdeutsche Kultusministerkonferenzeinen "Arbeitskreis für Rechtschreibregelung" ein. DiesesGremium wurde beauftragt,Vorschläge für eineVereinfachung der Rechtschreibungauszuarbeiten, die alsDiskussionsgrundlage füreine Übereinkunft mitden anderen deutschsprachigenStaaten dienen sollten.Dem Arbeitskreis gehörten20 Mitglieder an,vier davon hattenschon der Arbeitsgemeinschaftfür Sprachpflege angehört.Es waren nunmehr Gruppen ander Diskussion beteiligtals vier Jahrezuvor: Vertreten warenSprachwissenschaftler, Pädagogen,Schriftsteller, Journalisten,Verleger und dieIndustriegewerkschaft Druck undPapier; allerdings wardas Gremium nichtmehr international zusammengesetzt.

Am 15.10.1958 veröffentlichteder Arbeitskreis nachintensiver Arbeit dieso genannten Wiesbadener Empfehlungen:

Der Arbeitskreis verzichtetebei deutschen Wörternauf jede Änderungim Bereich derPhonem-Graphem-Beziehungen. DieMitglieder hatten ausden heftigen Widerständenauf die StuttgarterEmpfehlungen den Schlussgezogen, dass dasgroße Ziel derkonsequenteren Verwirklichungdes phonetischen Prinzipsganz aufzugeben war,um kleinere, abernützlich erscheinende Änderungenan der Orthographieumsetzen zu können.Die wichtigste Neuerungsollte die Einführungder gemäßigten Kleinschreibungsein. Auch dieanderen Reformpunkte beruhtenauf den StuttgarterEmpfehlungen, waren aberzum Teil nurin abgeschwächter Formübernommen worden.

Die Wiesbadener Empfehlungenwurden in derÖffentlichkeit deutlichsachlicher aufgenommen alsdie Stuttgarter Reformvorschläge.Gleichwohl wurde Kritikam vorliegenden Reformprogrammgeübt: Insbesondere diegemäßigte Kleinschreibunghatte zahlreiche Gegner.Diese argumentierten miteiner leichteren Lesbarkeitder Hauptwortgroßschreibung(besonders bei dervon Substantivierungen geprägtendeutschen Sprache), denProblemen des Umlernensund den Kostender Umstellung. Auchdie neue Silbentrennungsregelund die Fremdwortschreibungwaren Gegenstand derKritik.

Die Kultusministerkonferenzbetrachtete die WiesbadenerEmpfehlungen dagegen alsgeeignete Grundlage füreine Reform derRechtschreibung (Beschluss vomFebruar 1959). Einbundesdeutscher Alleingang wurdeaber einhellig ausgeschlossen.Deshalb erbat manvon den anderenLändern des deutschenSprachraums offizielle Stellungnahmenzum Wiesbadener Reformprogramm.

In Österreichgenehmigte 1960 derBundesminister für Unterrichtauf Antrag desPräsidenten der ÖsterreichischenAkademie der WissenschaftenRichard Meister dieEinberufung einer "ÖsterreichischenKommission für dieOrthographiereform". Vertretenwaren hierin Repräsentantender Schulen, interessierterVereine, der Wissenschaftund des Buchgewerbes.Die Beratungen begannenim Februar 1961.Im März 1962konnte die Kommissionihr Gutachten fertigstellen: Über dieFrage der Groß-und Kleinschreibung konnteallerdings keine Einigungerzielt werden. Deshalbwurde ein Doppelgutachtensowie eine Sondererklärungzu diesem Punktverfasst. Zu denanderen Punkten konnteeine gemeinsame Stellungnahmeabgegeben werden: DieWiesbadener Empfehlungen zurRegelung der Zeichensetzung,der Doppelformen undder Zusammen- undGetrenntschreibung wurden weitgehendgebilligt. Die Angleichungder Fremdwörter sowiedie Aufgabe derSilbentrennung nach Sprachsilbenbei zusammengesetzten Wörternempfand die Kommissionaber als zuweitgehend. Bezüglich der/s/-Schreibung verfasste dieKommission ein Zusatzgutachtenmit dem Vorschlagáßñ nachlangem, ássñ nachkurzem Vokal zuschreiben.

Im November 1962fand in Wieneine "Erste Beratungder Ländervertreter überdie Orthographiereform" statt.Auf dieser Konferenzsprachen sich dieVertreter der DDRfür die WiesbadenerEmpfehlungen aus.

Damit stand nurnoch eine offizielleStellungnahme der Schweizaus. 1962 wurdevon der Konferenzder kantonalen Erziehungsdirektorenein vorbereitender Fachausschussfür die Rechtschreibreformeingesetzt. Dieses vonReformskeptikern dominierte Gremiumbereitete eine SchweizerischeOrthographiekonferenz vor, dieim August 1963in Zürich stattfand.Die Konferenz entschiedsich mit überwiegenderMehrheit gegen diegemäßigte Kleinschreibung;auch die meistenanderen Vorschläge desdeutschen Arbeitskreises fürRechtschreibregelung wurden weitgehendabgelehnt. Nur dieEmpfehlung der Beseitigungder Doppelformen fandZustimmung.

Mit der ablehndenHaltung der Schweizwar das Vorhabeneiner Orthographiereform einweiteres Mal gescheitert.Eine für Ende1963 geplante Konferenzder deutschsprachigen Länderin Wien wurdenicht einberufen.

In den folgendenJahren kamen dieBemühungen um eineReform beinahe gänzlichzum Erliegen. Erstseit Ende dersechziger Jahre sindwieder einige Vorstößeder Reformanhänger zuverzeichnen. 1969 sprachensich die Teilnehmerdes Grundschulkongresses inFrankfurt für eineRechtschreibreform und einenAbbau der Überbewertungorthographischer Fähigkeitenaus. Im selbenJahr nahm sichauch die Politikdes Themas wiederan: Im Oktoberbeschloss die Kultusministerkonferenz,der Arbeitskreis fürRechtschreibregelung solle mitVertretern der anderenStaaten Kontakt aufnehmen,um die Bereitschaftzu einer Reformauf der Grundlageder Wiesbadener Empfehlungenzu erkunden. ImDezember dieses Jahresnahm die ÖsterreichischeKommission für dieOrthographiereform ihre Arbeitwieder auf.

Vom 22. bis27. März 1971fand das Wiener Symposion statt, auf demsich Vertreter Österreichs,der Bundesrepublik Deutschlandund der Schweizmit der Frageeiner Reform derOrthographie befassten. AlsMindestforderungen wurden dieEinführung der gemäßigtenKleinschreibung, eine Neuregelungder /s/-Schreibung, dieTrennung nach Sprechsilbenund eine allmählicheAngleichung der Fremdwortschreibungbeschlossen.

1972 teilte dasSchweizer Departement desInnern mit, dassein vorberatender Ausschusseingesetzt worden sei,der sich inZusammenarbeit mit dendeutschen und österreichischenGremien mit derFrage einer Rechtschreibreformzu befassen habe.

In der Folgezeitverlangten die FachschaftDeutsch an denPädagogischen Hochschulendes Landes Nordrhein-Westfalen(Dortmund 1972) unddie erste Sektiondes Deutschen Germanistentages(Trier 1973) dieEinführung der gemäßigtenKleinschreibung. Auch dieVerfasser der amtlichen"Hessischen RahmenrichtlinienSekundarstufe 1 -Deutsch" forderten diegemäßigte Kleinschreibung,die Lehrer wurdenaufgefordert, Rechtschreibleistungennicht mehr alsVersetzungskriterium zu betrachten.

Die Kultusministerkonferenzbekundete am 25.5.1973einstimmig ihre Absichtzu einer baldigenRechtschreibreform auf derGrundlage der WiesbadenerEmpfehlungen. Die Reformsolle allerdings inZusammenarbeit mit denanderen deutschsprachigen Ländernerfolgen.

Im Oktober 1973veranstalteten die GewerkschaftErziehung und Wissenschaft(GEW), das deutschePEN-Zentrum und einigeandere Verbände inFrankfurt den Kongress"vernünftiger schreiben".Der Kongress beschlossdie Forderung nachgemäßigter Kleinschreibung.Um der ForderungNachdruck zu verleihen,drohte die GEWmit einem Diktat-und Zensurenboykott.

Wenige Tage späterfand in Wienein Kongress unterTeilnahme von Vertreternaus allen deutschsprachigenStaaten statt (sogenannter Wiener Kongress,18./19.10.1973). An derersten Stelle der"Wiener Empfehlungen" standwieder die gemäßigteKleinschreibung. Außerdemwurden folgende Neuregelungenvorgeschlagen: Silbentrennungnach Sprechsilben; Kommasetzungnur dort, wodas rhythmische Empfindenmit der grammatischenGliederung übereinstimmt;áßñ zu ássñ;daß zu das;partielle Freigabe derGetrennt- und Zusammenschreibung;Angleichung der Fremdwortschreibungvon Fall zuFall festzulegen.

Die Reformforderungen dieserJahre lagen aufder Linie derStuttgarter und WiesbadenerEmpfehlungen. Alle enthieltenals wichtigste vorgeschlageneNeuregelung die gemäßigteKleinschreibung.

In dieser Zeitbeteiligten sich auchBürgerinitiativen an derReformdiskussion, so die1972 in Tuttlingengegründete "aktion kleinschreibung".Die Debatte umdie Reform wurdein diesen Jahrenerneut heftig geführt.Dabei spielten ideologischgeprägte Argumente einewichtige Rolle. Vonlinker Seite wurdedie Rechtschreibung alsInstrument der Klassenherrschaftbetrachtet, das dasBildungsprivileg des gehobenenBürgertums sichern sollte.Von konservativer Seitewurden aufgrund dieserStimmen, hinter jederReformbemühung marxistisch-revolutionäreMotive vermutet.

Die Brisanz desThemas veranlasste diePolitik, ihr Reformvorhabenruhen zu lassen.Ende des Jahres1973 distanzierte sichder baden-württembergischeKultusminister Hahn (CDU)vom gemeinsam gefasstenBeschluss der Kultusministerkonferenzvom Mai 1973und sprach sichgegen die inden Wiesbadener Empfehlungenenthaltene gemäßigteKleinschreibung aus. Auchdie Bundesregierung enthieltsich jeder Initiativezur Durchsetzung derReform und verwiesauf die Notwendigkeiteines gemeinsamen Vorgehensder deutschsprachigen Länder.Angesichts der politischenEntwicklung stellte schließlichder Arbeitskreis fürRechtschreibregelung seine Arbeit1974 endgültig ein.

Die Tätigkeit des Internationalen Arbeitskreises für Orthographie und die Wiener Gespräche (1974 bis 1998)

In den frühensiebziger Jahren bewegtesich die Orthographie-Diskussionum zwei Alternativen:Durchführung einer Rechtschreibreform,die nach Überzeugungder Reformanhänger alswichtigste Neuerung diegemäßigte Kleinschreibungeinschloss, oder Beibehaltungder herkömmlichen Rechtschreibung,das hieß fürdie Reformgegner vorallem Erhalt derHauptwortgroßschreibung. ImMittelpunkt der Auseinandersetzungstand also dieFrage der Groß-und Kleinschreibung.

Gegen diese Polarisierungwandte sich derGeschäftsführer derGesellschaft für deutsche Sprache (GfdS,Wiesbaden/Wien) Otto Nüsslerim Mai 1973. Er verurteilte dieAlles-oder-nichts-Politik derReformfreunde, die dazuführte, dass möglicherweisezu verwirklichende kleinereReformschritte unterlassen wurden.Die Gesellschaft fürdeutsche Sprache stelltesich in derFolgezeit an dieSpitze der Anhängereiner Rechtschreibreform, diedie Substantivgroßschreibungbeibehalten wollten. 1974richtete die GfdSeine eigene Rechtschreibreformkommissionein. Deren Aufgabewar es, einenVorschlag zu erarbeiten,wie Problemfälle derGroß- und Kleinschreibungdurch eine "bereinigteGroßschreibung" beseitigtwerden könnten. Durcheine vermehrte Großschreibungund eine Liberalisierungder Schreibung solltenKlippen der deutschenOrthographie entfernt werden.Auch andere Gruppensetzten sich nunfür eine Reformim Sinne derGfdS ein: DieReforminitiative "Leichter lesen- freier schreiben"(1974) und der"Deutsche Lehrerverband" (1976)plädierten für eine"vereinfachte Großschreibung".

Aber auch dieAnhänger der gemäßigtenKleinschreibung ruhten nicht.In der Bundesrepublikbesaßen sie mitdem Institut für deutsche Sprache (IdS) in Mannheimeine Zentralstelle fürihre Tätigkeit. DasIdS richtete imMärz 1977 seine"Kommission für Rechtschreibfragen" ein,die die Forschungin der Bundesrepublikvorantreiben und alsAnsprechpartner bei internationalenKontakten dienen sollte.

In der DDRund in Österreichbeschäftigte man sichzu dieser Zeitintensiv mit derorthographischen Forschung. DieseStaaten zeigten sichEnde der siebzigerJahre auch amaufgeschlossensten gegenübereiner Rechtschreibreform, währendsich die politischenStellen in derBundesrepublik eher defensivgegenüber den Reforminitiativenverhielten und derWestteil Deutschlands inder orthographischen Forschungins Hintertreffen zugeraten drohte. Zentrumder Beschäftigung mitder Orthographie inder DDR wardie 1974 gegründeteForschungsgruppe Orthographie derAkademie der Wissenschaftenin Berlin undRostock unter derLeitung von DieterNerius. In Österreichunterstützte das Bundesministerium für Unterricht und Kunst die Reformbewegungennach Kräften.

So richtete dasBundesministerium in denJahren 1978 und1979 in Wienzwei Tagungen zurRechtschreibreform aus, diejeweils einer derbeiden orthographischen Hauptschulengewidmet waren.

An der erstenTagung im Oktober1978 nahmen fastausschließlich Anhängerder gemäßigten Kleinschreibungteil, unter anderemdie Mitglieder derKommission des Institutsfür deutsche Sprache.Diskutiert wurde hiervor allem dasProblem der Eigennamendefinitionbei der gemäßigtenKleinschreibung. Die Tagungsteilnehmerschlossen eine Übereinkunft,die neben derForderung nach dergemäßigten Kleinschreibungauch eine Absichtserklärungenthielt, weitere Punktewie die Regelungder Zusammen- undGetrenntschreibung in eineReform aufzunehmen unddie Forschung iminternationalen Rahmen zuvertiefen.

Im Oktober 1979fand das Kolloquium"Die Zukunft derdeutschen Rechtschreibung" statt,das sich mitden Vorschlägen zueiner bereinigten Großschreibungbefassen sollte. Mitveranstalterdieser Tagung warder Ortsausschuss Wiender Gesellschaft fürdeutsche Sprache. Einvorgestelltes Regelwerk zurbereinigten Großschreibungwurde zum Teilscharf kritisiert. DieRechtschreibkommission der GfdSwurde aufgefordert, denEntwurf zu überarbeiten.Die Rechtschreibkommission konnteden überarbeiteten Regelvorschlagfür eine modifizierteGroßschreibung im Oktober1982 der Öffentlichkeitvorstellen.

Als maßgebliches Organzur Erarbeitung derneuen Rechtschreibung setztesich in denachtziger Jahren aberein anderes Gremiumdurch: der Internationale Arbeitskreis für Orthographie. Der Vorsitzendeder Kommission fürRechtschreibfragen des MannheimerInstituts für deutscheSprache Heinz Rupporganisierte für 1980in Basel einTreffen von Wissenschaftlern,die den jeweilsbedeutendsten mit derFrage einer Rechtschreibreformbefassten Gruppen ausden vier deutschsprachigenStaaten angehörten. Beteiligtam Internationalen Arbeitskreisfür Orthographie warensomit:

· die Kommission fürRechtschreibfragen des Institutsfür deutsche Sprachein Mannheim

· die ForschungsgruppeOrthographie der Akademieder Wissenschaften inBerlin und derUniversität Rostock

· die WissenschaftlicheArbeitsgruppe des Koordinationskomiteesfür Orthographie beimBundesministerium für Unterrichtund Kunst inWien

· die ArbeitsgruppeRechtschreibreform der SchweizerischenKonferenz der kantonalenErziehungsdirektoren in Bernund Zürich

Durch die internationaleZusammensetzung des Arbeitskreiseserhoffte man sich,die Herstellung einesbreiten Konsenses unddie Vermeidung eineserneuten Scheiterns derReformbemühungen wie 1958nach der Vorlageder nur vonbundesdeutschen Wissenschaftlernerarbeiteten Wiesbadener Empfehlungen.

Auf neun mehrtägigenTagungen zwischen 1980und 1991 wurdendie von dennationalen Arbeitsgruppen entwickeltenNeuregelungsvorschläge diskutiertund abgestimmt. DieTagungen fanden zunächstin zweijährigem seit1986 im jährlichenRhythmus statt. DieErgebnisse der einzelnenTagungen wurden imZwischenzeitraum in denKommissionen in Mannheim,Rostock, Wien undZürich nochmals erörtert.Bei diesem langwierigenProzess wurde großerWert darauf gelegt,ein Einvernehmen unterden Wissenschaftlern überdie Reformpunkte zuerreichen. Über denDiskussionsstand informiertedas Institut fürdeutsche Sprache 1985und 1988 dieÖffentlichkeit. Die Publikationvon 1988 entfachtein den Medieneinen Proteststurm, dersich vor allemgegen die vorgeschlagenegemäßigte Kleinschreibungund die Änderungenim Bereich derLaut-Buchstaben-Zuordnungen richtete.Anstoß wurde vorallem an vorgesehenenneuen Schreibweisen wiekeiser statt Kaiser,hei statt Haiund bot stattBoot genommen. DasEcho auf seineVorschläge veranlasste denInternationalen Arbeitskreiszu einer Überarbeitungseiner Empfehlungen imBereich der Laut-Buchstaben-Zuordnungen.

Parallel zur Arbeitdes Internationalen Arbeitskreisesfür Orthographie fandenseit 1986 die"Wiener Gespräche zurNeuregelung der deutschenRechtschreibung" statt, inAnlehnung an dieBerliner Zusammenkünftevon 1876 und1901 auch als"III. Orthographische Konferenz" bezeichnet.1986 trafen sichin Wien erstmalspolitische Beamte undWissenschaftler aus dendeutschsprachigen Staaten, umdie Möglichkeit einerRechtschreibreform zu erörtern.Diese zweitägige Beratungveranlasste das deutscheBundesinnenministerium und dieKultusministerkonferenz, demInstitut für deutscheSprache den offiziellenAuftrag zu erteilen,Vorschläge zur Neuregelungder Rechtschreibung zuerarbeiten. Der Bereichder Groß- undKleinschreibung sollte allerdingszunächst nach dempolitischen Willen nichtGegenstand einer Reformsein. Aufgrund desVerlaufs der WienerGespräche beschloss diebundesdeutsche Delegation jedochauch diesen Punktin das Reformpaketaufzunehmen. 1990 fandendie 2. WienerGespräche statt. DieKonferenzteilnehmer äußertenhier ihre Zustimmungzu den Vorschlägendes Internationalen Arbeitskreisesfür Orthographie. DerInternationale Arbeitskreis schlossdaraufhin auf denzwei folgenden Tagungenin Mannheim (Herbst1990) und Rorschach(Herbst 1991) seineArbeit ab undveröffentlichte 1992 seineVorschläge in Buchform.

Die Neuregelungsvorschlägewurden in Deutschland,Österreich und derSchweiz Begutachtungsverfahrenunterzogen.

Das deutsche Bundesinnenministeriumund die Kultusministerkonferenzluden zu diesemZweck über 30Institutionen und Vereineein, Stellungnahmen zurgeplanten Rechtschreibreformabzugeben. Diese konntendann im Rahmeneines im Mai1993 stattfindenden Hearingsihr Urteil auchmündlich darlegen. Ergebnisdieses Anhörungsverfahrenswar:

1. Die vorgeschlagenegemäßigte Kleinschreibungwurde abgelehnt.

2. Die vorgeschlageneAufhebung der grafischenUnterscheidung des Artikelsdas und derKonjunktion daßwurden abgelehnt.

Die von derKultusministerkonferenz eingesetzteArbeitsgruppe "Rechtschreibreform"wertete das Ergebnisaus und stelltedie Forderung nacheiner entsprechenden Änderungdes Reformpakets. Mitgliederdes Internationalen Arbeitskreisesüberarbeiteten daraufhindie Reformvorschläge indiesem Sinne.

Diese überarbeitete Fassungbildete die Grundlagefür die Beratungender 3. WienerGespräche (22. bis24.11.1994). Die Konferenznahm die neueFassung der Rechtschreibreformmit einigen Änderungenan und überwiessie zur redaktionellenAusarbeitung an eineRedaktionsgruppe, die einRegelwerk verfasste undein Wörterverzeichnis erstellte. Die redaktionell ausgearbeiteteFassung der geplantenNeuregelung wurde imApril 1995 vomInternationalen Arbeitskreisals "Vorlage fürdie amtliche Regelung" veröffentlicht.

Nach den 3.Wiener Gesprächen schiendas Reformpaket bereitsbeschlossene Sache. DieAbsegnung der Reformdurch die deutscheKultusministerkonferenz im Herbst1995 schien nurnoch eine reineFormsache. Auf demBuchmarkt erschienen ersteEinführungen, die dieBevölkerung mit derkünftigen Regelung vertrautmachen sollten. Sogab unter anderemder Dudenverlag zuWeihnachten 1994 einBüchlein heraus.

Doch im September1995 brach inDeutschland die Diskussionum die beabsichtigtenNeuerungen erneut aus. Der bayerische KultusministerHans Zehetmair erklärte,dass er diebeabsichtigte Neuregelung derFremdwortschreibung nicht akzeptierenwolle. Die Diskussionführte zur Streichungvon 45 Neuschreibungenvor allem imBereich der Fremdwortschreibung.Nicht durchgeführt werdenzum Beispiel folgendeÄnderungen:

Mitte Dezember 1995gaben die Ministerpräsidentenund Kultusminister Deutschlandsihre Zustimmung zumreduzierten Reformwerk. Österreichund die Schweizhatten schon imVorfeld der Entscheidungangekündigt, dass sieauch einem reduziertenReformprogramm zustimmen würden.Damit war derWeg für dieRechtschreibreform frei.

Am 1. Juli1996 unterzeichneten VertreterDeutschlands, Österreichs,der Schweiz, Liechtensteinssowie von vierStaaten mit deutschsprachigerMinderheit in Wieneine Absichtserklärung überdie Rechtschreibreform: Dieneuen Regeln solltenin den beteiligtenStaaten zum 1. August 1998 Gültigkeit erhalten.Für die alteSchreibweise gilt eineÜbergangsfrist bis zumAugust 2005, inder sie nichtals falsch betrachtetwird. An denSchulen in Österreichund acht deutschenBundesländern wurde dieneue Rechtschreibung bereitsseit dem Schuljahr1996/97 unterrichtet.

Der Widerstand der Reformgegnerwar mit demstaatsvertraglichen Akt vonWien allerdings nichtgebrochen. Initiator derneuerlichen Kampagne gegendie Reform warder Weilheimer StudiendirektorFriedrich Denk. DerDeutschlehrer trat imOktober 1996 aufder Frankfurter Buchmessemit seiner "FrankfurterErklärung zur Rechtschreibreform" an die Öffentlichkeit,in der erdie verantwortlichen Politikerin Deutschland, Österreichund der Schweizaufforderte, die Reformzu stoppen. DieDenk-Initiative erfuhr dadurcheine Aufwertung, dassnun auch namhafteSchriftsteller wie HansMagnus Enzensberger, SiegfriedLenz, Martin Walserund Walter KempowskiProtest gegen dieRechtschreibreform einlegten.Die Kultusministerkonferenz wiesjedoch die Beschwerdender Reformgegner zurück.In ihrer "DresdnerErklärung zur Neuregelungder Rechtschreibung" vom24./25.10.1996 verwies siedarauf, dass Schriftstellerund Publizisten dazuaufgefordert waren, "sichin den demokratischenEntscheidungsprozess einzuschalten".Die Einladungen andie Deutsche Akademiefür Sprache undDichtung, das PEN-Zentrum,die Deutsche Gesellschaftfür Publizistik sowieden Deutschen Journalistenverband,Stellungnahmen zur öffentlichenAnhörung im Jahr1993 einzureichen, seienaber unbeantwortet geblieben.

Die Bemühungen vonReformgegnern, die Reformjuristisch zu stoppen,scheiterten endgültig imJuli 1998 vordem Bundesverfassungsgericht.Doch in Schleswig-Holsteinerreichten die Reformgegner,dass die Rechtschreibreformzum Gegenstand einerVolksabstimmung erhoben wurde.Bei dieser erzieltensie am 27.September 1998 eineMehrheit von 56,4%gegen die Umsetzungder Reform anden Schulen imnördlichsten Bundesland.Somit ist zumgegenwärtigen Zeitpunkteine Situation eingetreten,die mit derorthographischen Kleinstaatereider Zeit vor1901 zu vergleichenist. Ob diebislang einzige Volksbefragungzur Rechtschreibreform einenDominoeffekt auslösen wird,so dass dieReform auch inanderen Ländern nochgekippt werden wirdund vielleicht ganzzurückgenommen werden muss,ist momentan nichtabzusehen.

Die neue deutsche Rechtschreibung

Im folgenden Abschnittsollen die Neuerungender Rechtschreibreform dargestelltwerden. In einersich anschließenden Betrachtungsoll der Umgangder Reformer mitden orthographischen Prinzipienuntersucht werden.

    Beispiel:
    Verb (Infinitiv) + Verb
    sitzen bleiben
    Partizip + Verb
    gefangen nehmen
    -einander + Verb
    auseinander setzen
    -wärts + Verb
    vorwärts gehen
    -ig, -isch, -lich + Verb
    übrig bleiben
    Substantiv + Verb
    Rad fahren
    so, wie, zu + Adjektiv, Adverb, Pronomen
    wie viel Geld?
Die Rechtschreibreform dientim Bereich derLaut-Buchstaben-Zuordnungen einerkonsequenteren Verwirklichungdes morphemischen (bzw.etymologischen) Prinzips. Beieiner ganzen Reihevon Wörtern verschwindetder Wechsel zwischenássñ und áßñ(z. B. müssen - er muss). In anderenFällen treten innerhalbeines Wortstammes inZukunft allerdings auchweiterhin unterschiedliche Schreibungendes s-Lautes auf(z. B. essen - aß). Dem Erhaltder Stammschreibung dientauch die Neuregelung,dass bei Zusammentreffenvon drei gleichenBuchstaben kein Buchstabegetilgt wird. DieGegner der Reformmögen hier einefehlende Berücksichtigungdes ästhetischen Prinzipsbeklagen, doch istdem entgegen zuhalten, dass dieseRegel schon vorder Reform galt,wenn noch einvierter Konsonant folgte(Balletttruppe). Die Kritikan der Reformstützt sich inbesonderem Maße aufEinzelfälle der Angleichungan die Stammschreibungwie zum Beispielbelemmert > belämmert (zu Lamm),Tolpatsch > Tollpatsch (zutoll) und Quentchen > Quäntchen (zu Quantum).Die Reformgegner habenRecht, wenn siedarauf verweisen, dassdie angeführten etymologischenBeziehungen nicht bestehen. Doch lassen sichdie neue Schreibungim Sinne einervolksetymologischen Deutung derWörter rechtfertigen: Imallgemeinen Verständniswerden diese Wörtereher den Wortfamilienzugeordnet, in diesie nun durchdie Reform orthographischeingegliedert worden sind.Bei der Fremdwortschreibunghat man sichentschieden, nur einerelativ begrenzte Anzahlvon Wörtern andas deutsche Systemder Darstellung vonLauten anzupassen. Diealten Schreibweisen bleibendaneben weiterhin gültig.Man hat alsonur vorsichtige Veränderungenin Richtung einerverstärkten Verwirklichungdes phonetisch-phonemischen Prinzipsvorgenommen.

Die Reformer strebteneine Vereinfachung derFrage nach Getrennt- oder Zusammenschreibung an, indemsie für dieseskomplizierte Teilgebiet derdeutschen Orthographie klarereRegeln aufzustellen suchten.Dafür nahmen siein Kauf, dassin zahlreichen Fällensemantische Unterschiede nichtmehr grafisch gekennzeichnetwerden können. ZumBeispiel kann sitzen bleiben jetzt sowohl wörtlichals auch übertragen(im Sinne vonin der Schulenicht versetzt werden)verstanden werden.

Die Verwendungsweise desBindestrichs wurde nurfür einige Einzelfällegeändert.

Der Regelung derGroß- und Kleinschreibung wurdedurch die Reformsystematisiert. Durch dieEntscheidung für diemodifizierte Großschreibungwurde eine Regelungeingeführt, die inbreiteren Kreisen konsensfähigist. Zur Bestimmungeines großzuschreibendenSubstantivs werden nunformalere Kriterien herangezogenals bislang üblich(vor allem dasKriterium des Artikelgebrauchs:z. B. der Einzige).

Die Zeichensetzungsoll durch dieBeseitigung von Ausnahmen(Kommasetzung zwischen Hauptsätzen,auch wenn und,oder usw. dieSätze verbinden) unddurch Liberalisierung (erweiterterInfinitiv) erleichtert werden.

Die Neuregelung derWorttrennung soll durchkonsequente Umsetzung dessyllabischen Prinzips Schwierigkeitenbeseitigen. Vor allemgriechische und lateinischeFremdwörter wie Hektarsind von derNeuregelung betroffen: Währendnach der altenRegel die Trennungdieser Wörter andas morphematische Prinzipgebunden war (Hekt-ar),ist nun auchdie Trennung nachSilben zulässig (Hek-tar).Die Trennung ander Silbengrenze istnach der Reformauch möglich, wenndamit ein einzelnerVokalbuchstabe abgetrennt wird(A-bend). In diesenAusnahmefällen war bislangdas ästhetische Prinzipüber das syllabischePrinzip gestellt worden.Allerdings kommt auchdie Neuregelung nichtohne eine Ausnahmevon der silbenbezogenenGrundregel aus: Dasck wird nunnicht mehr ink-k aufgelöst, sonderngeschlossen in dieFolgezeile übertragen (z.B. pa-cken). DieProblematik dieser neuenRichtlinie besteht darin,dass die Silbengrenzebeispielsweise bei packenin der Mittedes Konsonanten liegt.

Zusammenfassung

Wenn man dieProblembereiche der deutschenOrthographie betrachtet, derersich die Autorender Rechtschreibreformprogrammedieses Jahrhunderts angenommenhaben, so istfestzustellen, dass sichdie Themen, dieim Mittelpunkt derDiskussion gestanden haben,mehrfach ablösten:

In der erstenHälfte des 20.Jahrhunderts, von derII. Orthographischen Konferenzbis in dieunmittelbare Nachkriegszeit desZweiten Weltkriegs, strebtendie Reformanhänger nacheiner durchgreifenden Veränderungder deutschen Rechtschreibungim Sinne desphonetisch-phonemischen Prinzips.Das Schriftbild hättesich durch eineReform auf derGrundlage der vorliegendenProgramme grundlegend verändert.

In den fünfzigerJahren wurde dasZiel, sich einerlauttreueren grafischen Darstellungder Sprache zunähern, weitgehend aufgegeben.In den Mittelpunktder Reformbestrebungen rücktenun das Bemühenum die Einführungder gemäßigten Kleinschreibung.Man nahm sichaber auch anderer- bislang unbeachtetgebliebener - Problembereiche(Getrennt- und Zusammenschreibung,Zeichensetzung, Worttrennung)der deutschen Rechtschreibungan.

Seit den siebzigerJahren setzte sichdie Einsicht durch,dass die Abschaffungder Substantivgroßschreibungnicht durchsetzbar war.Auch wenn dieMehrheit der Sprachwissenschaftler,die sich mitFragen der Orthographiebefassten, nach wievor in dergemäßigten Kleinschreibungdie beste Lösungsahen, wurde aufihre Einführung verzichtet.Auf diese Weisekonnten 1998 ineiner im Vergleichmit vorangegangenen Reformprogrammensehr maßvollen Reformeinige Problembereiche derdeutschen Rechtschreibung systematisiertund vereinfacht werden.

Fragt man nachden Ursachen desScheiterns früherer Neuregelungsvorschläge,so ist zuallererst auf dieRadikalität zu verweisen,mit der vieleReforminitiativen den Bruchmit der traditionellenOrthographie anstrebten. Diefehlende Rücksicht aufdie Menschen, diemit der altenRechtschreibung vertraut warenund auf dieein grundlegend verändertesSchriftbild fremd undunschön wirkte, beschwornatürlicherweise den Widerstandbreiter Kreise herauf.

So stießen dieProteste der einflussreichenGruppen, die sichimmer wieder gegeneine Reform wandten,auf Zustimmung. Dietonangebenden Reformgegner fandensich unter denBuchhändlern (vor allemin den zwanzigerJahren, als sieum den Wertihrer Buchbestände fürchteten),in Zeitungsredaktionen undunter bedeutenden Schriftstellern.Kraft ihrer Autorität,ihrer Meinungsmacht oderihrer finanziellen Mittelhatten die Vertreterdieser Gruppen dieMöglichkeit, mehrfach Einflussauf das Schicksalder Reformbemühungen zunehmen. Die Reformbefürworterbefanden sich übrigensin erster Linieunter den Sprachwissenschaftlern,den Lehrern sowieden Mitgliedern desDruckgewerbes (die letzteGruppe besonders inder ersten Hälftedes Jahrhunderts).

Auch die Politikspielte eine Rollein der Geschichteder Rechtschreibreform. Nebendem jederzeit vorzutragendenArgument der finanziellenBelastung für Staatund Gesellschaft durcheine Umstellung gabes auch Hindernissefür eine Reform,die sich ausden zeitspezifischen Gegebenheitenherleiteten: Sowohl iminnenpolitisch vergifteten Klimader Weimarer Republikals auch inder Zeit desKalten Krieges herrschteder Argwohn, hinterder Absicht einerRechtschreibreform verstecktensich die Motivedes politischen Gegners.Ein weiteres Hemmnisfür eine Reformerwuchs aus demUmstand, dass sichder deutsche Sprachraumüber mehrere Staatenerstreckt: Um dieEinheit des Sprachraumszu wahren, warein internationaler Konsensherzustellen. EinzelstaatlicheInitiativen scheiterten spätestensam Veto einesEinzelstaates (so dieWiesbadener Empfehlungen 1963an den Einwändender Schweiz). Inder Zeit derdeutschen Teilung warein gemeinsames Vorgehenvon Ost undWest zudem einPolitikum höchster Ordnungund damit inbesonderem Maße erschwert.

Mit der deutschenWiedervereinigung wurde eingemeinsames Handeln derbeteiligten Staaten erleichtertund die Rechtschreibreformwurde doch nochRealität. Allerdings hattendie Verantwortlichen derReform aus denFehlern und demScheitern ihrer Vorläufergelernt: Sie hattennicht nur fürdie Herstellung einesinternationalen Konsenses Sorgegetragen, sondern vorallem die inder Anfangszeit derReformbemühungen hochfliegendenZiele einer umfassendenReform aufgegeben, umdem verbreiteten Bedürfnisnach einem weitgehendenErhalt des Schriftbildesnachzukommen.

Diese maßvolle Reformfand schließlich dieZustimmung der Politikund konnte verwirklichtwerden. Doch angesichtsdes jüngsten Erfolgsder immer nochaktiven Reformgegner beider Volksabstimmung inSchleswig-Holstein scheint derBestand der Rechtschreibreformkeineswegs gesichert.

Kommentar zur Arbeit von Dr. Helga Kotthoff (handschriftlich im Original der Arbeit):Das ist einesehr gute Darstellungder Geschichte derOrthographie-Reformen und derOrth.-Prinzipien. Das Wesentlicheist pointiert dargeboten.Es liest sichspannend. Sie habenes verstanden, einetrockene Materie interessantzu machen. DieLiteratur haben sieso aufgearbeitet, daßsie sich inden eigenen Texteinfügt. Die Arbeitist so umfangreicherausgefallen als eigentlicherwünscht. Das istaber gerechtfertigt. 1H. K.

Literaturverzeichnis

· Augst, Gerhard / Blüml, Karl / Nerius, Dieter / Sitta, Horst (Hgg.), Zur Neuregelung der deutschen Orthographie. Begründung und Kritik, Tübingen 1997.

· Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Text der amtlichen Regelung, Tübingen 1996.

· Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis. Vorlage für die amtliche Regelung, hrsg. vom Internationalen Arbeitskreis für Orthographie, Tübingen 1995.

· Deutsche Rechtschreibung. Vorschläge zu ihrer Neuregelung, hrsg. vom Internationalen Arbeitskreis für Orthographie, Tübingen 1992.

· Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache, 21. Aufl., Mannheim / Leipzig / Wien / Zürich 1996.

· Garbe, Burckhard (Hg.), Die deutsche rechtschreibung und ihre reform 1722-1974, Tübingen1978.

· Hilliger, Sabine / Nerius, Dieter, Die Geschichte der Reformbemühungen von 1970 bis 1990 in der DDR, in: Augst, Gerhard / Blüml, Karl / Nerius, Dieter / Sitta, Horst (Hgg.), Zur Neuregelung der deutschen Orthographie. Begründung und Kritik, Tübingen 1997, S. 15-24.

· Jansen-Tang, Doris, Ziele und Möglichkeiten einer Reform der deutschen Orthographie seit 1901. Historische Entwicklung, Analyse und Vorschläge zur Veränderung der Duden-Norm, unter besonderer Berücksichtigung von Groß- und Kleinschreibung und Interpunktion, Frankfurt (a. Main) 1988.

· Küppers, Hans-Georg, Orthographiereform und Öffentlichkeit. Zur Entwicklung und Diskussion der Rechtschreibreformbemühungen zwischen 1876 und 1982, Düsseldorf 1984.

· Nerius, Dieter (Leiter eines Autorenkollektivs), Deutsche Orthographie, Leipzig 1987.

· Nerius, Dieter / Scharnhorst, Jürgen (Hgg.), Theoretische Probleme der deutschen Orthographie, (Ost-)Berlin 1980, darin: Beratungen über die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung (Protokoll der II. Orthographischen Konferenz 1901), S. 330-350, und Regeln für die deutsche Rechtschreibung (1902), S. 351-371.

· Nerius, Dieter, Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. Mit Hinweisen für die Arbeit im Unterricht von Hartmut Küttel, Berlin 1996.

· Piirainen, Ilpo Tapani, Handbuch der deutschen Rechtschreibung. Grundlagen der Rechtschreibung und Methoden des Rechtschreibunterrichts, Bochum 1981.

· Reichardt, Dagmar, Zur Entwicklung der Bemühungen um eine Reform der deutschen Orthographie seit 1901, in: Nerius, Dieter / Scharnhorst, Jürgen (Hgg.), Theoretische Probleme der deutschen Orthographie, (Ost-)Berlin 1980, S. 273-305.

· Scheuringer, Hermann, Geschichte der deutschen Rechtschreibung. Ein Überblick. Mit einer Einführung zur Neuregelung ab 1998, Wien 1996.

· Scheuringer, Hermann, Letzte Zwistigkeiten ums Reförmchen. Zur öffentlichen Debatte über die Rechtschreibreform nach dem Abschluss der Wiener Gespräche, in: Eichner, Heiner / Ernst, Peter / Katsikas, Sergios (Hgg.), Sprachnormung und Sprachplanung, Festschrift für Otto Back zum 70. Geburtstag, Wien 1996.

· Zabel, Herrmann, Der Internationale Arbeitskreis für Orthographie, in: Augst, Gerhard / Blüml, Karl / Nerius, Dieter / Sitta, Horst (Hgg.), Zur Neuregelung der deutschen Orthographie. Begründung und Kritik, Tübingen 1997, S. 49-66.

· Zabel, Herrmann, Die Geschichte der Reformbemühungen von 1970 bis 1995 in der BRD, in: Augst, Gerhard / Blüml, Karl / Nerius, Dieter / Sitta, Horst (Hgg.), Zur Neuregelung der deutschen Orthographie. Begründung und Kritik, Tübingen 1997, S. 49-66.

· Zabel, Herrmann, Keine Wüteriche am Werk. Berichte und Dokumente zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung, Hagen 1996.

Die neue deutscheRechtschreibung

Hintergrund: Problematik derOrthographie von 1901

Untersuchung: Lösungen,Umgang mit denorthographischen Prinzipien

[Scheuringer]

Anliegen der Reformer:RS-Regeln sollen logischer,einsichtiger werden

Zusammenfassung

- Häufigkeit undKonjunkturverlauf der Reformthemen(z. B. Phonem-Graphem-Beziehung):1. Jh.hälfte: wichtigstevorgesehene Änderung =Schriftbild durch Durchsetzungdes phonet. Prinzips;1952-III. Orthogr. Konferenz= gemäßigte Kleinschreibung

- Vorschläge derReformpläne zu denThemen (> Reichardt:Tabellen, etc.; Scheuringer:Tabellen)

- Untersuchung: Berücksichtigungder orthograph. Prinzipienin den Vorschlägen:z. B. Vernachlässigungdes semantischen Prinzipsbei strengerer Verfolgungdes phonetischen (z.B. Homophone Leuten- läuten, heute- Häute, ReichardS. 284)

- Untersuchung: Reformbedürfigkeitder Teilgebiete >>Fehleranalyse (Küttel, 1980[Jansen-Tang S. 631],Riehme [Reichard S.305]

- Konjunktur derThemen: Schwergewicht auf... /Abkehr von... einzelnen Themen/Vorschlägen> Ursachen fürAbkehr von einzelnenThemen (z. B.phonet. Prinzip): z.B. Stoßen aufWiderstände (fehlende Bereitschaft,umzulernen [verständlich])

>> neue Rechtschreibung

- Ortung derReformanhänger / -gegner(Lehrer, Buchdrucker -Schriftsteller, Verleger)

Schlusswort

RS und öffentl.Meinung, Stärke derrechtschreiblichen Traditionen:zu berücksichtigende Interessender Genarationen, dienicht umlernen möchte

Lehren aus dengescheiterten Reforminititiven>> Kodifizierung derneuen (maßvoll erneuerten)RS 1998

aktuelle Proteste

Literatur zur Rechtschreibungin der UB(alphabetisch sortiert):

· J. L. Weisgerber(AG für Forschungdes Landes NRW):Die Grenzen derSchrift. Der Kernder RSR, 1955.

· aktion kleinschreibung- materialsammlung zurrsreform (1973), hg.von W. W.Hiestand: Propaganda fürKS

· Augst u. a.(Hgg.): Zur Neuregelungder dt. Ogr..Begründung u. Kritik,1977.

· Augst, G. (Hg.),Dt. Rechtschreibung mangelhaft?Materialien und Meinungen,1974

· Augst, G., "Regelnzur dt. Rechtschreibungvom 1. Jan.2001. Entwurf einerneuen Verordnung zurBereinigung der Laut-Buchstabenbeziehung,1985.

· Augst, G., Graphematiku. Orthographie. NeuereForschungen der Linguistik,Psychologie u. Didaktikin der BRD,1985.

· Back: Zur Klein-u. GS imDt.: Probleme u.Standpunkte, 1979: Heftim Auftrag desösterr. Kultusministeriums,guter Überblick überThema

· Bramann, K.-W., DerWeg zu heutigenRechtschreibnorm. Abbau orthographischeru. lexikalischer doppelformenim 19. u.20. jh., 1987.

· Die Großschreibungim Kreuzverhör derVersuche. Überprüfungder Lese- u.Schreibversuche seit 1912,Wien 1977

· Digeser, A. (Hg.),Groß- oder Kleinschreibung.Beiträge zur RSR,1974

· Drosdowski, G., DerDuden - Geschichteund Aufg. einesungewöhnl. Buches, 1980.

· Drosdowski, G., RSu. RSreform ausder Sicht desDudens

· Dt. RS: Textder amtl. Regelung,1996.

· Eisenberg /Günther(Hgg.), Schriftsystem u.Ogr., 1989: u.a.Beiträge zur Groß-/Kleinschr.

· Fritzsche, J.: RSunterricht.Untersuchungen zu seinerStellung u. seinenAufg.en im Dt.unterricht,1984

· Gallmann: GraphischeElemente der geschriebenenSprache. Grundlagen füreine Reform derOgr., 1985 *

· Garbe (Hg.): Diedt. rs undihre reform 1722-1974,1978: Beiträge undReformvorschläge bis 1974*

· Glinz u. a.:Sprache - Schrift- RS, 1987:Hintergrundinfos zur Reform,Schrift/Sprache, Einzelprobleme*

· Großschreibung oderKleinschreibung? Meinungen zueinem umstrittenen Thema,1974.

· Hiestand (Hg.): RS.Müssen wir neuschreiben lernen? 1974:zahlreiche Beiträge zurDiskussion um eineReform (auch inder Politik etc.)*

· Ickler: KritischerKommentar zur "Neuregelungder dt. RS",1997: "gründl. linguistischeAutopsie der Reform"*

· Intern. AK fürOgr. (Hg.), Dt.RS: Vorlage fürdie amtl. Regelung,1995.

· Intern. AK fürOgr. (Hg.), Dt.RS: Vorschläge zuihrer Neuregelung, 1992.

· Kohrt: TheoretischeAspekte der dt.Ogr., 1987.

· Küppers: Ogr.reformu. Öffentlichkeit, 1985*

· Leiss/Leiss: Dieregulierte §chrift. Plädoyerfür die Freigabeder RS, 1997

· Mentrup u. a.(Hgg): Zur Reformder dt. Ogr..Materialien der "Intern.sprachwissenschaftl. Tagung zurReform der dt.Ogr. Wien 1978",1979

· Mentrup: Materialienzur histor. Entwicklungder Groß- u.KSregeln, 1980: Wiedergabevon 4 Arbeitenaus dem 19.Jh.

· Nerius: Die Groß-und Kleinschreibung imDt.unterricht. Die geltendeRegelung, Problemfälle undSchwierigkeiten, 1988

· Nerius: Die Neuregelungder dt. RS(mit Hinwiesen fürden Unterricht), 1996:enthält Geschichte u.Prinzipien der Neuregelung

· Nerius: Untersuchungenzu einer Reformder dt. Ogr.,1975 *

· Riebe (Hg.): Der"stille" Protest: Widerstandgeg. RSR imSchatten der Öffentlichkeit.Briefe, Eingaben u.sonstige Schriftstücke,1997: Propaganda gegenRSR

· Schlaefer: Quellenzur Geschichte derdt. Ogr. im19. Jh., 1984

· Schneider: Bedingungsanalysedes RSchreibens, 1980

· Siegner (Hg.): RSRauf dem Prüfstand,1997: Stellungnahmen gegenRSR

· Stang: Die Neuregelungder dt. RS,1996 (Heft)

· Stetter (Hg.): Zueiner Theorie derOgr.. InterdisziplinäreAspekte gegenwärtiger Schrift-u. Ogr.forschung, 1990.

· Zabel (Hg.): Widerworte:"Lieber Herr Grass,Ihre Aufregung istunbegründet" - Antwortenan Gegner u.Kritiker der RSR,1997: *

· Zabel: Der gekippteKeiser. Dokumentation einerPressekampagne zur RSreform,1989: Reaktionen aufeinen Reformvorschlag derKommission für RSfragen,1988/89.

· Zabel: Kleine Wütericheam Werk. Berichteu. Dokumente zurNeuregelung der dtRS, 1996.*

RS = Rechtschreibung

RSR = Rechtschreibreform

Ogr. = Orthographie

GS = Großschreibung

KS= Kleinschreibung

Literatur zur Rechtschreibungin der UB(nach Standort sortiert):

· Augst, G. (Hg.),Dt. Rechtschreibung mangelhaft?Materialien und Meinungen,1974

· Augst, G., "Regelnzur dt. Rechtschreibungvom 1. Jan.2001. Entwurf einerneuen Verordnung zurBereinigung der Laut-Buchstabenbeziehung,1985.

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· Garbe (Hg.): Diedt. rs undihre reform 1722-1974,1978: Beiträge undReformvorschläge bis 1974*

· Großschreibung oderKleinschreibung? Meinungen zueinem umstrittenen Thema,1974.

· Hiestand (Hg.): RS.Müssen wir neuschreiben lernen? 1974:zahlreiche Beiträge zurDiskussion um eineReform (auch inder Politik etc.)*

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· Mentrup u. a.(Hgg): Zur Reformder dt. Ogr..Materialien der "Intern.sprachwissenschaftl. Tagung zurReform der dt.Ogr. Wien 1978",1979

· Nerius: Untersuchungenzu einer Reformder dt. Ogr.,1975 *

· Nerius: Die Neuregelungder dt. RS(mit Hinwiesen fürden Unterricht), 1996:enthält Geschichte u.Prinzipien der Neuregelung

· Schlaefer: Quellenzur Geschichte derdt. Ogr. im19. Jh., 1984

· Glinz u. a.:Sprache - Schrift- RS, 1987:Hintergrundinfos zur Reform,Schrift/Sprache, Einzelprobleme*

· Stang: Die Neuregelungder dt. RS,1996 (Heft)

· Stetter (Hg.): Zueiner Theorie derOgr.. InterdisziplinäreAspekte gegenwärtiger Schrift-u. Ogr.forschung, 1990.

· Zabel: Der gekippteKeiser. Dokumentation einerPressekampagne zur RSreform,1989: Reaktionen aufeinen Reformvorschlag derKommission für RSfragen,1988/89.

· Zabel: Kleine Wütericheam Werk. Berichteu. Dokumente zurNeuregelung der dtRS, 1996.*

· Augst u. a.(Hgg.): Zur Neuregelungder dt. Ogr..Begründung u. Kritik,1977.

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· aktion kleinschreibung- materialsammlung zurrsreform (1973), hg.von W. W.Hiestand: Propaganda fürKS

· Schneider: Bedingungsanalysedes RSchreibens, 1980

· Back: Zur Klein-u. GS imDt.: Probleme u.Standpunkte, 1979: Heftim Auftrag desösterr. Kultusministeriums,guter Überblick überThema

· Küppers: Ogr.reformu. Öffentlichkeit, 1985*

· Mentrup: Materialienzur histor. Entwicklungder Groß- u.KSregeln, 1980: Wiedergabevon 4 Arbeitenaus dem 19.Jh.

· Riebe (Hg.): Der"stille" Protest: Widerstandgeg. RSR imSchatten der Öffentlichkeit.Briefe, Eingaben u.sonstige Schriftstücke,1997: Propaganda gegenRSR

· Leiss/Leiss: Dieregulierte §chrift. Plädoyerfür die Freigabeder RS, 1997

· Ickler: KritischerKommentar zur "Neuregelungder dt. RS",1997: "gründl. linguistischeAutopsie der Reform"*

· Siegner (Hg.): RSRauf dem Prüfstand,1997: Stellungnahmen gegenRSR

· Zabel (Hg.): Widerworte:"Lieber Herr Grass,Ihre Aufregung istunbegründet" - Antwortenan Gegner u.Kritiker der RSR,1997: *

[] = Phon

/ / = Phonem

Ablage:

Durch die Normierungder Schreibkonventionen /geschriebenSprache (= Orthographie)wird - durchdie visuelle Konstanzder Morpheme -ein schnelles optischesErfassen der überdie Schrift vermitteltetenInformationen ermöglicht.

Gleichzeitig kann siejedoch dem Schreiber,der den Umgangmit der geschriebenenSprache zu erlernenund sie zubenutzen hat, Schwierigkeitenbereiten (siehe Anforderung2).

Oktober 1988 Vorschlagzur Neuregelung derdeutschen Rechtschreibung desIdS an dieAuftraggeber, 1989 Veröffentlichung>> Reaktion derÖffentlichkeit: Verriss>> Überarbeitung, 1992/93neue Fassung vorgelegtvom IAkfO >Diskussion >> Überarbeitung> auf denIII. Wiener Gesprächenangenommen >1995 veröffentlicht> Diskussion >KMK fordert Rücknahmemancher Eindeutschungen, demwird nachgekommen >1.7.96 Unterzeichnung inWien > 1.8.98Inkraftreten

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Im folgenden Abschnittsollen die durchdie Rechtschreibreform hervorgerufenenÄnderungen der deutschenOrthographie dargestellt werden:

Der Widerstand der Reformgegnerwar mit demstaatsvertraglichen Akt vonWien allerdings nichtgebrochen. Wieder -wie schon Jahrzehntezuvor - legteeine Reihe vonnamhaften Schriftstellern Protestgegen die Rechtschreibreformein. Bemühungen vonReformgegnern, die Reformjuristisch zu stoppen,scheiterten im Juli1998 vor demBundesverfassungsgericht. Dochin Schleswig-Holstein erreichtensie, dass dieReformfrage zum Gegenstandeiner Volksabstimmung erhobenwurde. Bei diesererzielten sie am27. September 1998eine Mehrheit von59% gegen dieUmsetzung der Reforman den Schulenim nördlichsten Bundesland.Somit ist zumgegenwärtigen Zeitpunkteine Situation eingetreten,die mit derorthographischen Kleinstaatereider Zeit vor1901 zu vergleichenist. Ob diebislang einzige Volksbefragungzur Rechtschreibreform einenDominoeffekt auslösen wird,so dass dieReform auch inanderen Ländern gekipptwird und vielleichtganz zurückgenommen werdenmuss, ist momentannicht abzusehen.

Die Autoren derneuen Regeln sindsich der Problematikdieser Richtlinie bewusst:Die Silbengrenze liegtbeispielsweise bei packenin der Mittedes Konsonanten.

Auch die Politikspielte eine Rollein der Geschichteder Rechtschreibreform. Nebendem jederzeit vorzutragendenArgument der finanziellenBelastung für Staatund Gesellschaft durcheine Umstellung ergabensich auch ausden zeitspezifischen UmständenHindernisse für eineReform.

So mag eskein Zufall sein,dass wenige Jahrenach der deutschenWiedervereinigung die Rechtschreibreformdoch noch Realitätwurde. Allerdings hattendie Verantwortlichen

Die Motive, dasgrafische System inBezug auf dasLautsystem zu verändern,sind meist pädagogischeroder soziolinguistischer Natur.Das Ziel, möglichstviele Mitglieder derGesellschaft an derschriftlichen Kommunikation gleichberechtigtzu beteiligen, erforderteinen hohen pädagogischenAufwand. Eine mangelhafteBeherrschung der Rechtschreibungkann Nachteile fürden Betroffenen zurFolge haben. Durchdie Vereinfachung derOrthographie sollte demSchreiber ein einfachererZugang zur geschriebenenSprache eröffnet werden.Gleichzeitig kann durcheine Rechtschreibreform derEntwicklung der gesprochenenSprache durch eineAnpassung des grafischenSystems Rechnung getragenwerden.

Vorwort

- Aufbau derArbeit:
1) Vermittlung vonGrundlagen: Einleitung, orthographischePrinzipien als Grundlageder Regeln derRechtschreibung (Frage derGewichtung stellt sichbei Kodifikation derRS d. h.auch bei einerRSreform), Weg zureinheitlichen deutschen RS1901 (Bedeutung fürdas Verständnis derfolgenden Diskussion im20. Jh.)
2) Die Diskussionum eine RSreform:
- Vorschläge
- Identifikation derReformanhänger, Reformgegner
- öffentliche Meinungzu den Vorschlägen
- Untersuchung: Berücksichtungder orthogr. Prinzipien,Favorisierung welcher Prinzipien,Vernachlässigung andererPrinzipien?
- Bewertung derVorschläge > Maßstab:Zweckmäßigkeit dervorgeschlagenen Änderungen(Erleichterung für denLernenden (v. a.als Schreiber) -Ermöglichung schneller Info.entnahme,Lesbarkeit des neuenSchriftbildes) und Rücksichtnahmegegenüber den Gewohnheitender Älteren
3) Schlusswort: Ursachender Schwierigkeit einerReform (Kodifikation derRS 1901 >Festschreibung einer Normetc.)

- Literatur

- Verwendung derneuen RS inder Arbeit

- Motivation fürdie Arbeit: Aktualität,Einführung einer neuenRechtschreibung zum 1.8.98,weit über dieSprachwissenschaft hinaus heftiggeführte Diskussion umdie Reform

- Thema derArbeit, Fragestellung, Erkenntnisinteresse(Ziel der HA),
nicht Gegenstand derArbeit: Bewertung aufgrundempirischer Untersuchungen zuRechtschreibungsproblemen undLeseschwierigkeiten (z. B.bei Einführung derHauptwortkleinschreibung), etc.

Anmerkung: Diese Hausarbeit ist bereits in der neuen Rechtschreibung geschrieben. Gelegentliche Rückfälle in die alte Rechtschreibung werden jedoch nicht ganz zu vermeiden sein.

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