Die weiße Flamme




Eine Zigeunertruppe vom Stamme der Leïla lagerte einmal auf einer weiten, unbewohnten Ebene. Nachdem die Leute gegessen und getrunken hatten, legten sie sich in ihren Zelten nieder und gar bald hörte man sie in tiefem Schlaf schnarchen. Nur Curu, der ärmste Bursche der ganzen Truppe und selbst des ganzen Stammes, schlief nicht. Er war nämlich in Panna, die schöne Tochter des
Häuptlings, verliebt, die an ihm auch großen Gefallen fand.
Als aber Curu das Mädchen zur Frau begehrte, sagte der alte Häuptling: »Du bist der ärmste Mann unseres ganzen Stammes und willst dennoch meine Tochter heiraten! Geh und sorge für deinen Rücken, daß ich ihn dir nicht blau und grün anstreichen lasse! «
Dies grämte den armen Burschen gar sehr, und auch diese N acht konnte er nicht schlafen, sondern saß draußen im Freien bei den Pferden der Truppe. Da sah er um Mitternacht in seiner Nähe eine weiße Flamme aufschlagen und wieder verschwinden. Dreimal wiederholte sich dies. Da holte Curu aus den Zelten eine Hacke herbei und begann an der Stelle, wo er die weiße Flamme gesehen hatte, zu graben. Nach einer Weile stieß er auf eine kleine, eiserne Tür, die er mit großer Anstrengung öffnete und in ein dunkles Zimmer eintrat. Er tappte im Finstern herum und fand eine zweite Tür, durch die er in ein zweites Zimmer eintrat, wo eine Kerze brannte und ein kleiner Mann, an Händen und Füßen gefesselt, lag. Als dieser den Burschen bemerkte, sagte er zu ihm :

"Befrei mich von diesen Fesseln und ich will dich reich machen!"
Curu entgegnete: "sag mir vorerst, wer du bist und warum und durch wen du gefesselt worden bist?"
Der kleine Mann sagte: »Ich wohne weit von hier mit meinen Brüdern hoch oben im Gebirge. Einmal gingen wir auf die Jagd und erschlugen die Frau des Wieselkönigs. Als dies der Wieselkönig erfuhr, lauerte er mir auf, nahm mich gefangen und sperrte mich in dieses Haus.«
»Wenn sich die Sache so verhält«, sagte Curu, »so will ich dir gerne in der Not helfen. «
Darauf befreite er den kleinen Mann und sah ihm lachend zu, wie dieser vor Freude im Zimmer herumtanzte. Nach einer Weile sagte der kleine Mann: »Nun muß ich heim zu meinen Brüdern eilen, denn bald kommt der Wieselkönig her, um nachzusehen, ob ich mich noch hier befinde. Nimm diesen Ring, stecke ihn an den mittleren Finger deiner linken Hand und wenn du Gold haben willst, so drehe ihn einmal von links nach rechts und du wirst jedesmal einen Dukaten in der Hand finden. «
Darauf gab der kleine Mann dem Burschen einen Ring, und nun entfernten sie sich aus der Wohnung des Wieselkönigs. Der kleine Mann zog ins Gebirge zu seinen Brüdern, Curu aber ging in sein Zelt und drehte den Ring am mittleren Finger seiner linken Hand so oft von links nach rechts, daß er in der Frühe einen großen Haufen Dukaten dem Häuptling für seine schöne Tochter Panna geben konnte, die nun seine Frau wurde und mit ihm viele Jahre lebte in Saus und Braus
Und nun ist dieses Märchen aus !

Märchen der
Transsilvanischen Sinti und Roma