Der Schuhmacher




Es war einmal ein armseliger Schuhmacher. Dieser saß nur immer da und flickte Schuhe. So auch eines Tages zur Frühlingszeit. Nun flickte man damals die Schuhe mit Riemchen. Damit diese Riemchen leichter hindurchgingen wurden sie mit Talg bestrichen. Dadurch kamen viele Fliegen und setzten sich ringsherum auf das Talgstück. Da nahm nun der Schuhmacher ein Lederstück und schlug damit nach der Fliegenschar. So erledigte er fünfzehn mit einem Schlag. Oho, dachte er bei sich, bin ich ein solcher Kerl, so habe ich es nicht nötig. hier zu sitzen und Schuhe zu flicken. Also machte er sich daran, mit goldenen Buchstaben auf sein Kleid zu schreiben, er könne fünfzehn auf einen Schlag töten. Dann begab er sich auf Wanderschaft.
Schließlich kam er an eine grüne Wiese. und da er schläfrig geworden war, legte er sich zum Schlafen nieder. Da kamen zwölf Diener des Königs angeritten. Sie bemerkten den Schuster und lasen, daß er fünfzehn mit einem Schlag töten könne.
Nun wußten sie nicht, wie sie ihn wach kriegen sollten. Wenn er fünfzehn mit einem Schlag töten könnte, würde er sie, die sie nicht mehr als zwölf waren, auf der Stelle mit einem Schlag erlegen. So kam ihnen die Idee. daß sie ihre Pferde auf diese Weide schicken wollten. Die Pferde aber machten einen entsetzlichen Krawall.
Da fuhr der Schuhmacher hoch und fragte, was das für ein Radau sei. Nun ließen sich die zwölf auf die Knie fallen und baten um ihr Leben. Und so überredeten sie ihn. daß er mit ihnen zum Königshof kam.

Als sie beim Königshof ankamen und der König diesen schrecklichen Gesellen zu sehen bekam, war ihm anzumerken, wie schrecklich angst und bange ihm war. Nun begannen sich alle zu fürchten. und sie machten ihm alles so recht wie nur irgend möglich, damit er nur ja nicht gereizt würde. So blieb der Schuhmacher lange Zeit dort.
Eines Tages tauchte dann im Wald ein Einhorn auf, sodaß sich niemand hineinwagen konnte, ohne von diesem getötet zu werden. Nun sollte sich der Schuster auf den Weg machen und versuchen, das Einhorn zu töten.
Ja, dachte er, die hier haben es gewiß auf mein Leben abgesehen. Ich will versuchen, ob ich weglaufen kann.
Er wollte nun einen anderen Weg einschlagen und ausreißen. So kam er in einen dichten Kiefernwald. Als er diesen betrat, begegnete er dem Einhorn, das brüllend angelaufen kam, Der Schuster rannte davon, das Einhorn hinterher. Nun war der Wald so dicht, daß sich das Einhorn festrannte. Es stieß mit dem Horn in eine Kiefer und konnte nicht mehr weiter.
Oho, dachte der Schuhmacher, bin ich so ein Kerl, habe ich es nicht nötig davonzulaufen. Also kehrte er zum Königshof zurück.
"Hast du etwas gesehen ?" fragten sie ihn.
"Ja freilich, ein lumpiges Tier habe ich gesehen. Es hatte nicht mehr als ein Horn. Ich habe es in eine Kiefer gestoßen. Wenn ihr es töten wollt, so könnt ihr das selber tun."
Da machten sich zwölf Diener des Königs auf den Weg und schossen es tot. Aber nun fürchteten sie ihn erst recht. und sie machten es ihm so recht wie nur irgend möglich. Und wieder blieb er eine Zeit dort.

Da tauchte eines Tages im Wald ein schrecklicher Eisbär auf, so daß sich niemand hineinwagen konnte, ohne getötet zu werden. Deshalb schickten sie den Schuhmacher los, damit er ihn erlegen sollte.
Ja, dachte er, es wird wohl das beste sein. Wenn ich versuche davonzulaufen, denn wie es aussieht, haben die es schließlich doch auf mein Leben abgesehen .
So machte er sich denn auf den Weg und wollte versuchen auszureißen. Als er in den Wald kam, traf er auf den brüllenden Eisbären. Der Schuhmacher rannte davon, der Eisbär hinterher, bis sie an ein abgelegenes Waldhaus kamen. Da riß der Schuster die Tür auf, rannte hinein und schmiß die hintere Tür von außen wieder zu. Nun sprang der Eisbär hinein, und der Schuhmacher konnte die Tür verschließen, so daß der Eisbär gefangen war .
Oho, bin ich solch ein Kerl, so habe ich es nicht nötig wegzulaufen.
Also kehrte er zum Königshof zurück.
"Hast du etwas gesehen ?" fragten sie ihn.
"Ja freilich, ein lumpiges weißes Tier hab' ich gesehen, ich habe es in ein Waldhaus geworfen. Wenn ihr es töten wollt, so könnt ihr das selbst tun."
Da machten sich die zwölf Diener des Königs auf den Weg und töteten den Eisbären. Nun blieb er wiederum eine lange Zeit dort. und sie begegneten ihm so freundlich, weil sie ihn fürchteten. Deshalb machten sie ihm alles so recht wie nur irgend möglich.

Eines Tages stand ein Krieg bevor. Die Kriegsheere sollten an einem großen Fluß, über den eine Brücke führte, aufeinanderstoßen. Nun befahl der König seinem Heer, daß alle tun sollten, was der Schuhmacher tat. Somit hoben sie ihn auf ein Pferd des Königs. Er hatte aber in seinem Leben noch nie auf einem Pferd gesessen und wußte nicht, an welchem Zügel er ziehen mußte.
Da setzten sie es in Bewegung. Nun war es aber so, daß das Pferd des Königs über alle Maßen toll und wild und teuflisch war. Es sprang so, daß der Schuhmacher meinte, auf gleicher Höhe mit den Baumgipfeln zu sein.
Als das andere Kriegsheer dies sah, erschraken sie fürchterlich. Sie glaubten, das müsse der Leibhaftige persönlich sein. Darum wichen sie zurück und drängten sich über die Brücke, so daß nicht mehr viele übrig waren.
Ja, dachte er, nun muß ich verrückt tun.
Und er begann ein Feuer zu machen. Da machten all die andern auch ein Feuer. Ja, dachte er, nun darf ich mich nicht verrückt machen lassen. Da kam eine alte Frau daher, die sich mühsam am Stock schleppte. Da nahm er ein brennendes Holzscheit und schlug damit die Frau tot, denn an andere wagte er sich nicht heran! Nun nahmen all die andern ein brennendes Holzscheit und erschlugen, was ihnen in die Quere kam.
Ja, und somit hatten sie gesiegt und konnten an den Königshof zurückkehren.
Als sie dort ankamen und erzählten, wie alles zugegangen war, freute sich der König so sehr, daß der Schuhmacher seine Tochter und die Hälfte von Land und Reich bekam, und nach des Königs Tod die Krone.
Norwegisches Volksmärchen