Die Geschichte von dem Jungen, den seine Großmutter nach Kilfinane schickte, um Schnupftabak zu kaufen




Als ich noch ein junger Bursche war, sagte meine Großmutter eines Tages zu mir, ich solle für sie nach Kilfinane gehen und ihr eine halbe Unze Schnupftabak mitbringen. Sie hatte eine große Vorliebe für dieses Zeug, und es war nicht einmal mehr soviel im Haus, wie man für eine Prise braucht. Da konnte ich nicht nein sagen. Also lief ich die Straße entlang. Ich war noch nicht sehr weit, da kam ich an eine Wiese, auf der die Jungen Hurling, eine Art Hockey, das in Irland sehr beliebt ist, spielten, und freilich machte ich da mit. Über dem Spaß und dem Lärm des Spiels vergaß ich den Schnupftabak ganz und gar. Es war dunkel, als ich heimkam, aber statt eines Abendessens war der Stock schon eingesalzen, und meine Großmutter ließ ihn auf meinem Hintern tanzen. Dann befahl sie mir strikt, auf der Stelle noch in die Stadt zu laufen und den Schnupftabak zu holen. Aber es war nun schon Nacht, pechrabenschwarz. Ich ging los. Was hätte ich sonst tun sollen!

Während ich die Straße entlanglief, hörte ich hinter mir ein Pferd herangaloppieren. Die Hufe klapperten über das Pflaster. Es hörte sich an, als sage da ständig jemand: Zweigroschen, Dreigroschen, Zweigroschen, Dreigroschen! Ich sprang zur Seite, weil ich fürchtete, der Reiter könne mich nicht sehen und werde mich über den Haufen reiten. Aber als er auf gleicher Höhe mit mir war, beugte er sich zu mir herab und fragte:
»Was machst du denn hier noch so spät?«
Ich erzählte ihm von meiner Großmutter und von dem Schnupftabak.
»Steig hinten auf: Ich nehme dich ein Stück mit! « sagte der Reiter .
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und kletterte hinter ihm auf das Pferd.
Das Tier flog dahin wie ein Wildfeuer. So rasch, daß man es kaum für möglich hielt. Den Wind, der vor uns wehte, holten wir ein. Der Wind, der hinter uns wehte, kam nicht an uns heran .
Wir waren schon Meilen über die Stadt hinaus, als der Mann endlich hielt. Ich hatte keine Ahnung, in welcher Gegend des Landes wir uns befanden. Aber dann sah ich, daß wir vor dem Tor eines Friedhofs standen. Der Reiter murmelte etwas, und - Herr steh uns bei! - das Tor tat sich auf, ohne daß jemand es berührt hätte. Hinein mit dem Pferd und uns beiden auf seinem Rücken.

»Halt meine Peitsche«, spricht der Reiter, »hier habe ich etwas zu erledigen. « Er springt aus dem Sattel und beginnt, ein frisches Grab aufzureißen. Das nächste war, daß er die Leiche aus dem Grab zerrte und sie vor mir über das Pferd warf. »Halt sie fest«, befiehlt er, »und laß sie nicht fallen, wenn dir dein Leben lieb ist!«
Was blieb mir anderes übrig, als den toten Mann festzuhalten. Aber bei all der Angst ließ ich die Peitsche fallen. Ich merkte es gar nicht.
Rauf also auf das Pferd mit dem Reiter, und ab geht's mit uns dreien, dem Reiter, dem Toten und mir.
Zweigroschen, Dreigroschen, Zweigroschen, Dreigroschen.
Ich meinte, das ganze Land müsse aufwachen von dem Lärm, den die Hufe machten.

Es dauerte nicht lange, da tauchte vor uns ein Licht auf, und wir bewegten uns darauf zu. Es war ein großes Haus, fast wie ein Schloß. Eine alte Frau trat aus der Tür. Graues Haar hatte sie und im Mund einen Kamm Zähne wie ein Heurechen.
»0 Mutter Gottes«, sprech' ich, »jetzt bin ich verloren!«
Der Reiter befahl mir abzusitzen, und dann mußte ich ihm helfen, die Leiche ins Haus zu schaffen. Dort griff er sich eine Axt und zerteilte den Leichnam, gerade so, wie der Metzger ein Schwein zerlegt. Die eine Hälfte kam in einen großen Topf, der auf dem Feuer stand. Die andere Hälfte mußte ich in ein Pökelfaß stopfen.
Es dauerte nun nicht mehr lange, da war das Abendessen fertig. Es gab noch einen anderen Topf, in dem kochten rotbraune Kartoffeln. Die Alte schüttet die Kartoffeln auf den Tisch und holt drei Teller.
»Setzt euch, Männer«, spricht sie, »und laßt es euch gut schmecken.«
Ich war hungrig genug und schob mir ein paar von den Kartoffeln heran. Sie aber ging zu dem großen Topf; kam mit einem großen Stück Fleisch von dem Toten und wollte es auf meinen Teller legen.
»Iß nur«, sagt der Mann.
Mir war speiübel, aber das Glück wollte es, daß ein Ungetüm von einem Hund unter dem Tisch lag, und jedes Stück Fleisch, das ich mir vorschnitt, warf ich ihm hin, während ich an den Kartoffeln herumkaute.
Nun, das Essen ging auch vorüber, und ich hoffte schon, davonlaufen zu können.
»Gehst du?« sagt der Reiter.
»Das hatte ich vor«, antwortete ich, »es ist schon spät.«
»Schon recht«, sagt er, »aber ehe du gehst, vergiß nicht, mir meine Peitsche wiederzugeben.«
Mir rutschte das Herz in die Stiefel.
»Ich habe sie auf dem Friedhof verloren, als ihr mir den Toten aufs Pferd gereicht habt, Herr« , sage ich.
»Dann geh dorthin und hol sie sofort!« sagt er, »und komm auf dem schnellsten Wege wieder hierher zurück.«
Fort springe ich, so rasch mich meine Beine tragen wollen. Ich komme ans Tor des Friedhofs.
»Was soll ich nun tun?«, überlege ich. »Für ihn die Peitsche holen oder mich heimstehlen ?«

Ich entschloß mich für daheim. Ich rannte, so schnell ich konnte. Ich nutzte jede Abkürzung, über Felder, durch Gebüsche und Hecken. Ich sah das Haus schon vor mir, als ich hinter meinem Rücken wieder dieses Geräusch hörte, das mir schon ganz bekannt vorkam:
Zweigroschen, Dreigroschen, Zweigroschen, Dreigroschen.
Ich tat einen gellenden Schrei und machte einen verrückten Sprung über die Hecke zur Haustür und durch die Zwischentür in die Küche. Da stieß der Hahn einen Ruf aus, denn eben kam der neue Tag herauf: Fort galoppierte der Reiter wie toll. Eine Schwäche überkam mich, aber ich hörte wohl noch:
Zweigroschen, Dreigroschen, Zweigroschen, Dreigroschen.
Langsam wurde das Geräusch leiser. Ich war in Sicherheit. Nie konnte ich etwas über den Mann und das Pferd in Erfahrung bringen.

Meine Großmutter hatte wenig Verständnis und Mitgefühl für das, was ich erlebt hatte. Als sie am Morgen aufstand und immer noch kein Schnupftabak zur Stelle war, wurden Prügel mein Frühstück, und dann befahl sie mir, auf der Stelle in die Stadt zu laufen und dort eine halbe Unze Schnupftabak zu besorgen. Und in einer halben Stunde hätte ich zurück zu sein, sonst, so drohte sie mir , könne ich zum Mittag noch einmal Prügel statt etwas zu essen bekommen !

Märchen aus Irland