Lod




Es war einmal ein Farmer, der hatte einen Sohn, den man Lod nannte. Er war ein starker Bursche, der wußte, was er wollte. Eines Tages schickte ihn sein Vater mit einer großen Schüssel Haferbrei zu einer Gruppe von Männern, die Torf stachen, aber unterwegs verschüttete Lod den Brei, die Arbeiter blieben ohne Essen und beklagten sich bei dem Farmer, als sie am Abend heimkehrten.
Der Vater schimpfte Lod aus und sagte ihm, er solle auf der Stelle das Haus verlassen und über fünfundzwanzig Straßen ziehen und sehen, wie er in der Welt zurechtkomme, er wolle mit ihm nichts mehr zu schaffen haben.
»Wenn es so steht«, sagte Lod, »werde ich eben gehen. Ich bitte dich nur noch, daß du mir eine eiserne Keule gibst, damit ich mich auf meinen Wanderungen meiner Haut wehren kann. «
»Das sollst du haben«, sagte der Vater, ging stracks zu einem Schmied und ließ dort eine Keule machen, die war einen stone ( englisches Maß = 6,3504 kg) schwer. »Das ist eine gute Keule für dich«, sagte er.
Lod griff sich die Keule, und als er sie in die Hand nahm, brach sie sofort entzwei.
»Ach«, sprach er, »ich brauche eine Keule, die stark genug ist für mich.«
Also ging der Vater zurück zum Schmied und ließ eine zweite Keule machen, die hatte ein Gewicht von zwei stone.
»Die sollte nun aber gewiß stark genug sein«, sagte er, als er sie seinem Sohn gab.
Aber auch diese Keule brach sofort in zwei Teile, als Lod sie in die Hand nahm.
»Ach«, schimpfte Lod, »die ist auch nichts. Ich brauche eine bessere. «
Die dritte Keule war dreieinhalb stone schwer, und der Schmied sagte :
»Eine stärkere Keule kann ich nicht machen.«
Doch auch diese Waffe zerbrach, als Lod sie zweimal durch die Luft schwenkte.
Der Vater ließ die beiden Teile beim Schmied wieder zusammenschweißen und sprach dann zu seinem Sohn. »Damit mußt du nun auskommen. Ich bin es leid, dir ständig neue Keulen machen zu lassen.«
Dann nahmen sie Abschied, und der Junge zog fort. Es dauerte nicht lange, da kam er an das Schloß eines Königs und erkundigte sich dort, ob man wohl Arbeit für ihn habe.
»Was für Arbeit kannst du tun?« fragte der König.
»Ich bin ein guter Kuhhirt«, antwortete Lod, »mein Leben lang habe ich Kühe hüten müssen.«
»Das trifft sich gut«, sagte der König, »mein Vieh kommt mir Stück um Stück abhanden. Und ich kann keinen Hirten finden, der ordentlich aufpaßt. Willst du diese Arbeit übernehmen ?«
»Das will ich gern, wenn du mir als Lohn das zahlst, was ich brauche. Ich verlange zehn Guineas im Jahr, einen Sack Mehl in der Woche und soviel Milch, wie ich brauche, um mir meinen Brei zuzubereiten. Ich esse zweimal am Tag, am Morgen und am Abend. Ich brauche ein Haus, in dem ich allein wohnen kann, einen Ofen und ein Bett.«
»Nun«, sagte der König, »du verlangst ziemlich viel. Aber da es sich um keine gewöhnliche Herde handelt, sollst du es haben, und wir wollen es für ein halbes Jahr zu diesen Bedingungen miteinander versuchen.«
Also trat Lod in die Dienste des Königs und übernahm dessen Herde. Am nächsten Tag stand er zeitig auf, nahm seine Keule unter den Arm und ging auf die Weide. Während die Kühe auf dem hügligen Grasland ihr Futter suchten, begann Lod in einem Dornendickicht Feuerholz zu sammeln.
Plötzlich hörte er Schritte und sah einen schrecklichen Riesen auf sich zukommen.
»Was treibst du hier, du Däumling?« brüllte der Riese.
»Ach, guter Mann!« sagte Lod, »jagen Sie mir doch nicht solche Angst ein. Ich sammle hier nur Feuerholz, wenn Sie es auf die Rinder abgesehen haben, die ich hüte, so nehmen Sie sie und lassen Sie mich in Frieden.«
Der Riese ging, fing sich die schwerste und fetteste Kuh aus der Herde, band ihre vier Beine mit einem Seil aus Heidekraut zusammen, und dann rief er Lod zu :
»Komm her und heb sie mir auf den Rücken.«
»Ach«, sagte Lod, »ich habe Angst, dir zu nahe zu kommen.«
»Mach dir keine Sorgen. Ich tu dir nichts«, sagte der Riese. Also ging Lod zu dem Riesen hin und sagte:
»Du solltest besser deinen Kopf unter den Bauch der Kuh stecken, und ich helfe dann von hinten, damit du sie auf den Rücken bekommst.«
Kaum hatte der Riese Lods Rat befolgt, da ging Lod von hinten mit seiner Keule auf ihn los. Er machte die Kuh los, schlug dem Riesen den Kopf ab und hängte ihn zwischen die grünen Blätter eines Baumes. Die Leiche des Riesen aber warf er in ein altes Torfloch.
Für den Rest des Tages blieb Lod mit seinen Tieren unbehelligt, und am Abend brachte er die Herde vollständig heim. Der König, der ihm auf dem Heimweg begegnete, war erstaunt und sprach:
» Wie hast du es geschafft, alle Tiere sicher heimzubringen?«
»Ich hab's geschafft. Warum auch nicht?« sagte Lod.
Er sagte dem König nicht, was geschehen war, und behielt sein Abenteuer für sich.
Am nächsten Tag stand er wieder zeitig auf und ging hinaus auf die Weide zu seinen Rindern. Kaum hatte er wieder das Dickicht betreten, wo er Holz sammeln wollte, da kam abermals ein Riese daher, der sah noch stärker aus als der vom Vortag.
»Was machst du denn hier, du Dreikäsehoch?« bellte der Riese.
»Ich suche Feuerholz«, erwiderte Lod, »versuchen Sie nur nicht, mir einen Schrecken einzujagen. Es gibt wenig, was mir einen Schreck einjagen könnte.«
»Hast du gestern zufällig einen Mann gesehen, der mir ähnlich sieht?« fragte der Riese und runzelte die Stirn, »meine Mutter hat nämlich ihren jüngsten Sohn verloren.«
»Ich habe nichts gesehen«, sagte Lod, »ich war gestern gar nicht hier. Wenn du es auf eine meiner Kühe abgesehen hast, so such dir nur die fetteste heraus und mach dich mit ihr davon.«
Der Riese schlug die beste Kuh aus der Herde zu Boden, fesselte ihr die Beine mit einem Seil, und dann sagte er zu Lod:
»Nun hilf mir, damit ich das Vieh auf den Rücken nehmen kann.«
»0 nein«, sagte Lod, »da fürchte ich mich.«
»Ach was«, sagte der Riese, »ich tu dir nichts.«
Und dann kam alles, wie es schon am ersten Tag gekommen war. Bald hing der Schädel des toten Riesen in den Zweigen, und seine Leiche lag in einer Torfgrube, wo niemand, der vorbeikam, sie entdeckt hätte.
Als an diesem Abend Lod nach Hause kam, vertrat ihm der König den Weg und war sehr erstaunt, als sein Hirte alle Rinder heil und gesund heimbrachte.
»Gewiß«, sagte der König, »hast du heute in den Hügeln drüben etwas Aufregendes erlebt?«
» Was soll ich erlebt haben«, sagte Lod, »dort drüben ist nur Heide, Wald, Torf und Moos. Was soll man da schon groß erleben.«
»Nun«, sprach der König, »du bist ein guter und geschickter Hirte. Nie zuvor ist es vorgekommen, daß einer stets die ganze Herde heimgebracht hat.«
Auch am dritten Tag erschien wieder ein Riese, und Lod übertölpelte ihn, und nun hingen schon drei Köpfe in den Zweigen, und drei Leichen lagen in der Torfgrube.
»Es kann nicht sein«, sagte der König abends, »daß du mir heute nichts zu erzählen hast.«
»Nun«, sprach Lod, »der Torf raucht, auf dem Gebirge wachsen Eschen und wildes Senfkraut -wenn du das noch nicht weißt.«
»Du bist wirklich der beste Hirte im Land und den Lohn wert, den ich dir zahle« , sagte der König.
Als Lod am nächsten Morgen aufstand, sprach er bei sich:
»Ich bin ja gespannt, was mir heute oben in den Hügeln widerfährt. Einen Riesen, noch größer als einer von den drei anderen, kann es ja eigentlich nicht geben.«
Er trieb also sein Vieh auf die Weide und ging in das Dikkicht, um Feuerholz zu suchen. Es dauerte nicht lange, da wehte ein starker Luftzug über die Berge, es war dies aber nicht der Wind, sondern der Atem einer großen grauen Hexe, die plötzlich in der Luft über Lod auftauchte und ihre klauenartigen Finger nach ihm ausstreckte.
»Hier steckst du also, du Schurke, du Bösewicht. Du hast meine drei Söhne getötet. Jetzt bin ich gekommen, um an dir Rache zu nehmen.«
Damit packte sie ihn, und wie zwei Ringer gingen sie beide kämpfend zu Boden. Über weiches und hartes Gelände rollten sie, verklebt von Torf und Blut bei ihrem Ringen. Und die alte Hexe war so stark, daß Lod mehr als einmal um sein Leben fürchtete. Aber dann kam der Augenblick, wo er sich gewaltig anstrengte, die Hexe hochhob, ihr Arme und Beine brach und sie flach auf den Boden warf.
»Nun, alte Hexe, was für ein Lösegeld gibst du mir, wenn ich deinen Qualen ein Ende mache?« fragte er.
»Ich gebe dir etwas, was groß und nicht klein ist«, antwortete sie schwach. »Es ist eine Truhe voll Gold und eine Truhe voller Silber, die unter der Schwelle meiner Höhle dort drüben liegen.«
»Besten Dank«, sagte Lod, »und nun sollst du nicht länger leiden.«
Darauf schlug er ihr den Kopf ab und hängte ihn neben die Schädel ihrer Söhne in die Zweige, ihren Leib aber warf er in die Torfgrube.
An diesem Abend hielt ihn der König an, als er zurückkam, und sagte :
»Gewiß hast du heute draußen auf der Weide ein Abenteuer erlebt?«
» Die Formen der Hügel, der grüne Rasen und die Lerchen über den Feldern waren nicht anders als sonst auch«, antwortete Lod. »Nichts von Bedeutung weiß ich dir zu berichten.«
»Ach«, sagte der König, »du bist ein großartiger Bursche, wenn ich dich nur schon eher zum Hirten bestellt hätte, viel Ärger wäre mir erspart geblieben.«
Am anderen Tag brauchte sich Lod zum erstenmal, seitdem er im Dienste des Königs stand, mit niemandem herumzuschlagen, und als er heimkam, war er sehr erstaunt, daß der König ihm heute nicht entgegenkam und ihn nicht befragte, ob er auf dem Feld ein Abenteuer erlebt habe.
Aber als er das Schloß erreichte, fand er alle Leute weinend und klagend über das schreckliche Schicksal der Königstochter.
Lod hörte, daß während des Tages ein großer Riese mit drei Köpfen zum Schloß gekommen war (man muß dabei bedenken, daß es damals noch von Riesen nur so wimmelte ). Er hatte gedroht, einen jeden im Land zu töten, wenn man ihm nicht die Prinzessin ausliefere. Er war dann wieder gegangen, hatte aber geschworen, er werde seine Drohung bestimmt wahrmachen, wenn man die Prinzessin nicht bis zum Abend in seine Höhle bringe.
Nach langem Überlegen hatte der König sich entschlossen, seine Tochter zu dem Riesen zu schicken. Er hielt dies für seine Pflicht, um sein Volk zu retten. Die Vorbereitungen waren schon in vollem Gange. Ganz zuletzt aber hatte der schielende und rothaarige Koch des Königs den Einfall, aus der ganzen Sache noch gutes Kapital zu schlagen, und er versprach, die Prinzessin zur Höhle des Riesen zu begleiten.
»Ich werde den Riesen töten«, sprach er zum König, »wenn ihr mir später die Prinzessin zur Frau gebt.«
Der König war nicht sehr erbaut darüber, einen schielenden und rothaarigen Koch zum Schwiegersohn zu bekommen, aber was sollte er machen. Er hatte eingewilligt. Und kurz ehe Lod aus den Bergen heimkam, war der Koch mit der Prinzessin aufgebrochen. Nun war Lod seit dem Augenblick, da er sie einmal durch das Fenster des Schlosses kurz gesehen hatte, in die Prinzessin verliebt. Als er nun hörte, in welcher Gefahr sie schwebte, machte er sich auch sogleich zur Höhle auf den Weg. Unter dem Arm trug er seine schwere Keule.
Als er die Höhle erreichte, sah er die Prinzessin zitternd dort stehen, während der schielende, rothaarige Koch, der ein großer Feigling war, sich hinter einem Stein versteckt hatte.
»Oh !« rief die Prinzessin, als sie Lod sah, »warum bist du nur hergekommen. Ist es nicht genug, wenn der Riese mich nimmt. Willst du auch noch von ihm getötet werden?«
» Was das angeht«, sagte Lod, »so ist er auch nicht allmächtig, und ich habe einige Erfahrung im Umgang mit solchen Burschen.«
In diesem Augenblick erhob sich drinnen in der Höhle ein furchtbares Gebrüll, und der Riese selbst trat heraus: ein gewaltiger Mann, mit Fellen bekleidet und mit drei Köpfen auf seinem schweren Nacken.
Als er ins Freie trat, war er zunächst von der Helligkeit etwas geblendet, sofort sprang Lod auf ihn zu und hieb ihm die drei Köpfe ab. Das war das Ende des Riesen. Die Gewalt, mit der Lod zugeschlagen hatte, war so groß, daß er selbst hinstürzte und sich am Arm verletzte, und die Prinzessin verband ihn mit einem Streifen Tuch, den sie von ihrem Kleid abriß. Sie war außer sich vor Freude über ihre Rettung und schlug Lod vor, sofort mit ihr zum Schloß zu eilen, wo sie seine Frau werden wollte. Aber Lod war nach dem Tag auf dem Feld und dem Kampf mit dem Riesen ziemlich müde. Also sagte er der Prinzessin, er werde erst ein kurzes Schläfchen tun, legte sich ins Gras und schloß die Augen.
Die ganze Zeit hatte der schielende, rothaarige Koch in seinem Versteck gesessen. Kaum aber war Lod eingeschlafen, da nahm er die drei Köpfe des Riesen und faßte die Prinzessin beim Handgelenk. Vergebens versuchte sie sich zu befreien und Lod zu Hilfe zu rufen. Lod schlief tief. Ob sie wollte oder nicht, sie mußte dem Koch zum Schloß folgen. Dort legte er die drei Köpfe dem König vor die Füße, behauptete, er habe die Prinzessin gerettet und verlangte, der König möge nun sein Versprechen erfüllen. Was blieb dem König anderes übrig. Der Hochzeitstag wurde festgesetzt.
Es war ein großes Hochzeitsfest, und als alle Gäste versammelt waren, schaute der König in die Runde, um zu sehen, ob auch nichts fehle. Plötzlich runzelte er die Stirn.
»Ein Mensch fehlt«, rief er, »wo ist mein Rinderhirt?« »Hier bin ich«, kam eine Stimme von der Türschwelle, und dort stand Lod, schaute den Schurken von Koch böse an und kam langsam auf ihn zu.
Der Koch wurde bleich vor Furcht, wie er da auf dem Stuhl des Bräutigams saß.
»Oh, lieber Vater, es war dieser Mann dort, der mich vor dem Riesen errettet hat, und nicht der Koch«, sagte die Prinzessin.
»Ich wußte, daß er kommen würde, um mich zu heiraten.«
»Was für einen Beweis gibt es für diese Behauptung?« sagte der König.
Da stand die Prinzessin von ihrem Platz auf und trat auf Lod zu, um dessen Arm immer noch der Fetzen Stoff gewickelt war, den sie von ihrem Kleid abgerissen hatte. »Diese Wunde empfing er, als er dem Riesen die Köpfe abschlug, und ich habe sie verbunden«, rief sie, und dann ließ sie das Kleid hereinbringen, das sie an jenem Tag getragen hatte, und tatsächlich, da fehlte das Stück Stoff.
Da erkannte der König, daß sie die Wahrheit sagte, und nachdem der Koch davongejagt worden war, machten Lod, der Farmerssohn und des Königs Tochter Hochzeit.
Nachdem die Feiern vorbei waren, nahm Lod seine Frau und den König zu der Stelle mit, an der er die Rinder gehütet hatte, und zeigt ihnen die Schädel der drei Riesen und der alten Hexe in den Zweigen des Baumes. Und es dauerte lange, bis der König alle Abenteuer angehört hatte, die Lod bestanden hatte, seit er in den Dienst des Königs getreten war.
Sie holten dann noch die Truhe mit Gold und die Truhe mit Silber, die unter der Schwelle der Höhle vergraben lagen, und lebten in Saus und Braus für den Rest ihrer Tage, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.

Märchen aus Schottland