Richard Brautigan :
Frauen, wenn sie am Morgen ihre Kleider anziehen




Es ist wirklich eine wunderschöne Umkehrung und Umwertung, wenn Frauen am Morgen ihre Kleider anziehen: sie ist noch ganz neu, und du hast noch nie zuvor gesehen, wie sie sich anzieht.
Ihr liebt euch, und ihr habt miteinander geschlafen, und es gibt nichts mehr, was man da noch tun kann, also ist es Zeit für sie, ihre Sachen anzuziehen.
Vielleicht habt ihr schon gefrühstückt, und sie ist in ihren Pullover geschlüpft, um ein schönes, pullovernacktes Frühstück zu machen (ihr schöner, warmer Körper bewegt sich leise in der Küche), und ihr habt beide lange über Rilkes Lyrik diskutiert, über die sie, für dich überraschend, eine Menge wußte.
Aber jetzt ist es Zeit für sie, ihre Sachen anzuziehen, weil ihr alle beide schon soviel Kaffee getrunken habt, daß ihr nichts mehr trinken könnt, und es ist Zeit für sie, nach Hause zu gehen, und es ist Zeit für sie, zur Arbeit zu gehen, und du willst allein bleiben, weil du im Haus was zu tun hast, und ihr geht zusammen raus und macht einen schönen Spaziergang, und es ist Zeit für dich, nach Hause zu gehen, und es ist Zeit für dich, zur Arbeit zu gehen, und sie will im Haus noch was tun.
Oder vielleicht ist es sogar Liebe.
Aber egal: Es ist Zeit für sie, ihre Sachen anzuziehen, und es ist sehr schön, wenn sie es tut. Ihr Körper verschwindet allmählich, und es sieht hübsch aus, wenn er völlig bekleidet wieder zum Vorschein kommt. Das Ganze hat etwas Jungfräuliches. Sie hat ihre Sachen an, und der Anfang ist vorbei.

aus: Richard Brautigan:
"Wir brauchen mehr Gärten"