Stanislav Lem:
Die Invasion

1. 2. 3. 4.



Sie unterbrachen das Küssen. Hansi Hain ging querfeldein über die Wiese und kam immer näher. Manchmal versank er im Gras bis an die Röhren des Lederhöschens, auf dessen Taschen er sechsschüssige Revolver aufgenäht trug, auf jeder Seite einen. Mit einer dünnen Gerte schlug er sorgfältig die Löwenzahnköpfe ab. Die beiden warteten, bis er vorüber war. Er ging an ihnen vorbei und hinterließ einen Streifen aus hellem Flaum, den der Windhauch über ihren Köpfen vorbeitrug. Einiges verfing sich im Laub des Stachelbeerstrauchs, der den beiden als Deckung diente. Der Bursche schmiegte die Wange an die nackte Schulter des Mädchens, streifte mit den Lippen die Stelle auf der bräunlichen Haut, wo sich wie ein abgeprägter Schneekristall ein Impfmal abzeichnete, blickte dem Mädchen in die nußbraunen Augen. Sie stieß ihn leicht von sich, schaute zur Wiese hinüber. Hansi war stehengeblieben, er hatte ein Löwenzahnköpfchen kaum mit der Spitze der Weidenrute erwischt, es hatte sich nur geneigt. Die Rute pfiff schärfer, der Löwenzahn zerstob als weißes Wölkchen, und Hansi ging weiter, kleiner und kleiner. Auf dem Rücken schaukelte ihm die leere Rahmflasche, die aus dem Rucksäckchen hervorguckte.

Das Mädchen sank ins Gras, dicht über ihrem schwarzen Haar schwankte eine harte, flaumbedeckte Stachelbeere mit durchschimmerndem Kern. Der Bursche suchte das Mädchen auf den Rücken zu drehen, küßte ungeduldig den braungebrannten Nacken. Sie barg das Gesicht an der Brust des Burschen, lautlos lachend, zeigte es plötzlich, erhitzt, atmete ihm direkt in den Mund. umschlang den Hals, faßte ins kurz über dem Nacken abgeschorene Haar; sie küßten einander, hineingeschmiegt in eine seichte, einem unfertigen Grab ähnliche Mulde, vielleicht von einem alten Schützenloch. Bevor das Dorf die Weidegründe übernommen hatte, war hier ein Truppenübungsplatz gewesen. Die Streifbleche der Pflüge knirschten mitunter gegen grünspanbedeckte, tief in die Erde gestampfte Hülsen.

Fliegen, so klein, daß sie nur gegen die Sonne zu sehen waren, kreisten als zarter Schnörkel über dem Strauch, so, als hätten sie den einzigen Zweck, in der Luft eine rege und durchsichtige Skulptur zu schaffen; kein Summen gaben sie von sich, sie waren zu klein, es war kaum zu spüren, wenn sie sich auf die Hände setzten. Der verborgene Mäher schärfte wieder sein Werkzeug, aus unbekannter Richtung strömte der regelmäßige Klang herüber. Dem Mädchen stockte der Atem, ihr Kopf sank zurück, sie stieß den Burschen von sich. Von der Sonne geblendet, drückte sie die Augen zu, sie zeigte die Zähne, aber sie lachte nicht. Er küßte sie auf die geschlossenen Lider, spürte die steifen, langen Wimpern gegen seine Lippen zittern. Von hoch oben trillerte etwas. Sie riß sich von ihm los, die Lider flatterten ihr, in den Pupillen, die sich weiteten, sah er Angst.
»Das ist nur ein Flu. ..« - begann er.

Das Pfeifen ging in Geheul über. Er spürte, wie ihm etwas durchs Haar strich. Finsternis. Fünfzehn Schritt weit von den Füßen der beiden flog der Ahorn in die Höhe, drehte langsam vor den Wolken die krause Krone; aus dem Stumpf des zerschmetterten Stammes schoß Dampf, die Äste stürzten weit drüben ins Gras, aber das war nicht zu hören in dem Gedröhn, das noch dauerte und sich immer weiter ausbreitete; schließlich verstummte auch das regelmäßige Klingen der gewetzten Sense.
Hansi Hain, sechshundert Schritte vor den ersten Bäumen der Landstraße, wandte sich um, und sein Gesichtchen war plötzlich weiß. Er sah eine oben geteilte Wolke aus Rauch und Dampf; ein heißer Luftstoß, der scharf und sauer schmeckte, erreichte ihn, traf ihn, bevor er Zeit fand, zu schreien und das Gesicht mit den Händchen zu decken (im rechten hielt er noch immer die Weidenrute). Es schien ihm, an der Wurzel der höckerig aufgetürmten und wie auf einer Momentaufnahme erstarrten Wolke, über der jäh geschwärzten Erde, wo vorher Gras gewesen war, dort blähe sich etwas Glänzendes auf, etwas wie eine gewaltige Seifenblase. Mehr sah er nicht, er schlug ins Gras hin, das über ihm der dröhnende Donnerschlag durchkämmte. Die heiße Wand aus beißender Luft war schon weit fort, sie erreichte die Landstraße, die hohen Pappeln schnalzten weg wie Streichhölzer, auf halber Höhe des Stammes abgebrochen, eine nach der anderen. Nur die fernsten hielten stand, dort, wo fast am Horizont das kupfergedeckte Türmchen des Fremdenheims blinkte.
Der Mäher arbeitete am entgegengesetzten Ende des Weidegrundes, in der Mitte eines langen Abhangs, der zu einem fast völlig ausgetrockneten Bach abfiel. Der Hügelkamm verdeckte dem Mäher die Sicht, aber er hörte langgezogenes Pfeifen und Poltern und sah jenseits der Anhöhe eine Rauchsäule aufsteigen. Er allein dachte, eine Bombe sei gefallen, er wollte zum Wasser laufen und sich darin verstecken, aber er fand nicht Zeit, sich umzuwenden, schon nahte - aus der Windrichtung und deshalb stärker als an der Landstraße -der Luftstoß und fuhr über ihn hinweg, es flimmerte ihm vor den Augen, dann begann es Blätter und feine Erdklümpchen zu regnen. Er ließ Sense und Wetzstein fallen, tat zwei Schritte auf die wachsende Rauchsäule zu, wendete aber augenblicklich und rannte mit eingezogenem Kopf das Bachbett entlang zur Landstraße.

Etwa eine Stunde lang war es völlig still. Der Wind wurde stärker und verwehte die Rauchsäule. Ihr knolliger verknäuelter Kopf zerstob immer mehr, während er an Höhe gewann, schloß sich den gleichmäßig südwärts treibenden Wölkchen an und verschwand am Horizont. Es war ein Uhr, als zwei Autos auf der Landstraße auftauchten und langsam voranrückten. Sie erreichten die Stelle, wo die gestürzten Bäume den Weg sperrten, und hielten an.
Außer einem guten Dutzend Soldaten und einem Offizier waren drei Zivilisten mit dabei. Zuerst begannen die Leute, eine gestürzte Pappel aus dem Weg zu räumen, aber der Offizier erkannte, daß dies zu lang gedauert hätte, und rief seine Männer zurück. Hinter dem offenen ersten Kraftwagen hervor beobachtete er durch ein Fernglas die Weidegründe. Das war ein sehr großes, stark vergrößerndes Fernglas; er mußte den Ellbogen auf die geschlossene Wagentür stützen, um es ruhig zu halten.
Über die Grasfluren liefen Wellen von feinem Geflimmer, die Spuren der Windstöße. Der Offizier drückte die Okulare des Fernglases tief in die Augenhöhlen, bestrich das ganze leicht emporgewölbte Gelände. Auf dem sanften Gegenhang des Hügels, ungefähr siebenhundert Meter vom Auto entfernt, war zuvor eine Baumgruppe gewesen, ein Überbleibsel von einem alten, längst abgeholzten Obstgarten; zwerghafte verwilderte Sträucher hatten sie umgeben, Stachelbeeren und Ribiseln. Nun war das ein unregelmäßiger grauer Fleck, den wie Heu vergilbtes Gras umrahmte; in weiterem Umkreis schwand diese Farbe allmählich und ging zuletzt ins Saftgrün der Wiesen über.
Die Kette von Sträuchern längs der einstigen Gartengrenze brach in der Nähe des Flecks jäh ab, die Fortsetzung war in undeutliche ergraute Fetzen verwandelt, woraus die stärkeren Windstöße Staub aufwirbelten. Ganz im Zentrum der Zerstörung aber, unter einem sanft pulsierenden milchigen und halb durchsichtigen Wölkchen, das wie Dampf aus einer undichten Lokomotive aussah, dort bauchte sich etwas Glitzerndes, deutlich blau, wie der Himmel; von dieser Rundung gingen kurze, ebenfalls glitzernde Arme aus und versanken in der kohlschwarzen Erde; sie bildete dort eine Grube mit trichterartigem Rand, den auf der einen Seite der Rest eines verkümmerten, abgebrannten Baumstammes stützte.

Der Offizier meinte schon alles gesehen zu haben, da gewahrte er eine blaßgraue flache Erhöhung zwischen den zerfetzten Sträuchern. Er drehte an den Okularen des Fernglases, aber das Bild verschwamm, und er sah dort nichts mehr .
»Da drüben ist es heruntergefallen.«
»Sicher ein Sputnik.«
»Schaut, wie der glänzt, aus Stahl ist er. ..«
»Nein, sieht nicht nach Stahl aus.«
»Und wie der eingeschlagen hat! Ist er heiß?«
»Und ob!«
»Aber warum raucht er so?«
»Das ist kein Rauch, das ist Dampf. Anscheinend hat er Wasser drinnen gehabt.«
Der Offizier hörte all das Geschwätz hinter seinem Rücken, aber zum Schein achtete er nicht darauf. Er verstaute das Fernglas in der Hülle und knöpfte sie zu.
»Feldwebel« - wandte er sich an den Unteroffizier, der sofort strammstand und ihm aufrichtig in die Augen sah.
»Sie nehmen alle Burschen und umstellen diesen Platz im Umkreis von - äh - zweihundert Meter. Niemanden durchlassen. Gaffer verjagen. Und daß es keinem etwa einfällt, die Neugier zu stillen! Sie haben Wachtposten aufzustellen, alles andere geht Sie nichts an. Verstanden?«
»Jawohl, Herr Hauptmann!«
»Na, dann gut. Und ihr, meine Herren, ihr habt hier jetzt nichts zu schaffen. Fahrt zurück in die Stadt.«
Protestgemurmel verbreitete sich, das Zivilistengrüppchen drängte sich mit den Fahrern beim zweiten Wagen, aber laut äußerte sich niemand. Als die Soldaten den Straßengraben überquert hatten und in auseinandergezogener Schwarmlinie querfeldein zu den Hügeln vorrückten, zündete sich der Hauptmann eine Zigarette an und wartete unter einer geköpften Pappel, bis beide Autos gewendet hatten. Inzwischen schrieb er noch rechtzeitig etwas auf ein Notizbuchblatt und gab das einem Fahrer .
»Du bringst das zur Post und schickst es als Telegramm ab, aber sofort! Verstanden?«
Die Zivilisten stiegen zögernd ein, sie schauten stets zu der Schwarmlinie hinüber, deren Flügel schon in der ersten Senke des grasigen Geländes verschwunden waren, während die Mittelfront sich langsam im Halbkreis dem Gürtel aus immer blasserem Grün näherte.
Dje Motoren surrten auf, nacheinander rollten die zwei Autos in Richtung des Städtchens davon.
Der Offizier stand eine Weile unter dem Baum, stieg dann in den wenig tiefen Graben, ließ die Beine hineinhängen, setzte sich auf die Kante und begann von neuem durchs Fernglas den Fleck am Hügelhang zu visieren, den Ellbogen mit der Faust der anderen Hand abstützend.

Gegen drei, als sich auf dem Grund des Grabens schon viele Zigarettenstummel vor dem Hauptmann angesammelt hatten, und die kleinen Figürchen der Soldaten, im Gras bis an die Knie, immer öfter auf der Stelle zappelten, als unterdrückten die Leute vor Müdigkeit nur schwer den Wunsch, sich zu setzen - da verbreitete sich von Westen her intensives Summen.
Der Offizier erhob sich sofort. Nach einer guten Weile erst konnte er eine bauchige Mücke sichten, dahinter eine zweite, eine dritte. Sje wuchsen nicht allzu schnell, aber nach einer Minute glitt das Hubschrauberdreieck knatternd über der Straße vorbei und begann über den Weidegründen unregelmäßige Linien zu beschreiben.
Nun brachen die Maschinen aus den Abständen aus, die sie in der Luft eingehalten hatten; eine blieb in Schwebe über dem schwarzen Fleck, die beiden übrigen hielten sich abseits, fast regungslos, nur der Wind drückte sie in unbedeutenden Schwankungen seitwärts. Der Offizier lief aus dem Baumschatten hervor auf die Wiese, bezwang in großen Sätzen das widerspenstige Gras, hielt plötzlich an und begann die Arme zu schwenken, als wollte er die Hubschrauber zum Landen bewegen. Sie achteten zum Schein nicht darauf, auch nicht, als in seiner Hand ein weißes Tüchlein hervorschwirrte. Der Offizier schwenkte es noch eine Weile, endlich ließ er die Arme sinken und stand reglos, dann aber begann er langsam in Richtung des Flecks zu gehen, über dem noch immer der Hubschrauber schwebte, etwa hundert Meter über dem Boden, schwer die Luft schaufelnd, dickbäuchig, mit langem röhrenartigem Schwanzstück, mit dem glänzenden Kreis des zweiten Rotors.
Der glasige Punkt im Zentrum des Flecks schied noch immer feine Dampfwölkchen aus. Sie verwehten unter dem Hubschrauber, der ungemein langsam sank, wie an einem unsichtbaren Seil herabgelassen. Auf einmal knurrten die Motoren aller drei Maschinen lauter, das Dreieck formierte sich, der verblüffte Offizier blieb breitbeinig stehen und reckte den Kopf hoch, in der Meinung, daß sie fortfliegen wollten, aber im selben Augenblick verstummten die Drehflügler, senkten sich und setzten nacheinander in der Mulde des nächsten Hügels auf.
Der Offizier wandte sich seitwärts und ging auf die Hubschrauber zu, aber er hatte vielleicht fünfhundert Schritte zurückzulegen, und indessen räumten schon Leute in graublauen Overalls aus zwei Maschinen einen ganzen Stapel länglicher, in Planen gehüllter Pakete, blecherne Kanister, ein paar hohe, schmale, in Fallschirmseide gewickelte Kisten, eng zusammengebundene und miteinander verpackte Stative, Dreifüße und große Lederfutterale, und all dies vollzog sich unter der Aufsicht dreier Männer, die aus dem letzten Hubschrauber ausgestiegen waren. Neben dieser Maschine standen noch zwei Leute, einer im Staubmantel, der andere im Flieger-Overall, dessen Reißverschluß bis zum Gürtel offenstand und das weiße, kurzhaarige Pelzfutter sehen ließ. Beide redeten mit dem Feldwebel, der den Landeplatz vor dem Offizier erreicht hatte.
Der Hauptmann näherte sich ihnen langsam, denn er mußte die Steigung überwinden, die auf seiner Seite am steilsten war. Er ärgerte sich, weil der Feldwebel eigenmächtig den Posten verlassen hatte, ließ sich dies aber nicht anmerken. Der Pilot schaute zu ihm herüber und sagte:
»Sie sind Hauptmann Toffe? Das war Ihre Meldung, nicht wahr? «
»Feldwebel, sagen Sie den Burschen, sie sollen die - eh - Expedition durchlassen«, sagte der Hauptmann, so, als hätte er die Frage des Piloten gar nicht gehört. Dieser kehrte ihm den Rücken und unterhielt sich über den hochgereckten Rumpf des Hubschraubers hinweg mit dem zweiten Piloten, der aus einer Thermosflasche Kaffee trank. Der dritte schloß sich ihnen an.
Der Hauptmann riskierte die Frage: »Werdet ihr hier warten?«
Mit einigem Zögern trat er zu den Piloten, sie aber fingen plötzlich über etwas zu lachen an, was der kleinste von ihnen gesagt hatte; sehr pummelig sah er aus in seinem schlampig offenstehenden Overall mit dem künstlichen Lammfutter. Dem Hauptmann antwortete keiner, aber in diesem Augenblick sagte der Mann im Staubmantel, ein ordentlich bejahrter Herr, der sich auf einen dünnen Stock mit Silberknauf stützte, wie ihn der Hauptmann noch nie gesehen hatte:
»Vielleicht können Sie mir sagen, was hier vorgefallen ist? Ich bin Professor Vinnel.«
Der Hauptmann wandte sich dem Professor zu und begann voll Eifer, doch sachlich zu erzählen: wie man im Städtchen zu Mittag etwas wie Donner krachen gehört hatte, trotz des heiteren Himmels; wie man am Horizont eine Rauchwolke gesichtet hatte; wie der Mäher atemlos auf die Polizei gerannt gekommen war - aber die Wachstube war geschlossen, denn alle Polizisten waren nach Dertex gefahren, dort fand die feierliche Enthüllung einer eingemauerten Gedenktafel statt, an der Stelle, wo im Krieg eine Bombe drei Küstenschutz-Freiwillige getötet hatte; weiters, wie er selbst, Hauptmann Toffe, spontan die Führung eines Erkundungszugs übernommen und diesen augenblicklich organisiert hatte; wie ihnen bei der Ausfahrt aus dem Städtchen der Hain-Bub, der kleine Hansi, hinkend und weinend entgegengekommen war...
»Sind Sie dieser Stelle nahe gekommen?« Der Professor wies mit dem Stock auf den Hang des Hügels gegenüber, von wo grellweiße, sonnenbeschienene Wölkchen lautlos aufstiegen.
»Nein. Ich ließ Posten aufstellen und telegrafierte.«
»Das war vernünftig. Ich danke Ihnen. Maurell ! «, wandte er sich mit erhobener Stimme an einen der Männer, die die Sachen aus den Hubschraubern abladen halfen.
»Was gibt es bei Ihnen?«

Den Hauptmann sah er gar nicht mehr. Toffe wandte sich um und sah zu den Piloten hinüber; sie beschäftigten sich mit dem waagrechten Windrad des letzten Helikopters. Toffe schaute auf die Gruppe um die abgeladenen Gegenstände. Dort hatte sich viel verändert. Auf den Stativen starrten dunkel die Apparate, einer mit langen Rohren ähnelte einem riesigen Fernglas, in einem zweiten erkannte Toffe einen Theodoliten, es gab da auch noch andere. Zwei Männer stampften angelegentlich das Gras nieder und stießen die Spitzen der Dreifüße in die Erde, der dritte kniete und wühlte in den ausgebreiteten und geöffneten Koffergeräten, die mit Kabeln quer durchs Gras verbunden waren, und die Leute in den Overalls bauten eben in höchster Eile etwas zusammen, was aussah wie ein primitiver Kran.
» Ein Soldat hat von einem Sputnik gesprochen, Herr Professor. Versteht sich, nichts dergleichen. Wenn heutzutage ein Ziegel von Dach fällt, halten ihn alle für einen Sputnik.«
»Aktivität?« - fragte Vinnel.
Ohne Maurell anzusehen, der die Enden der Leitungen zwischen den Fingern zusammendrehte, werkte er an seinem Stock herum. Auf einmal öffnete sich der Knauf, und etwas wie ein winziger, sofort geöffneter Regenschirm sprang heraus - aber das war ein Faltsitz aus Nylon, und der Professor setzte sich darauf und spreizte die Beine weg. Er hielt die Augen an das große Fernglas.
»Nein, nichts« - antwortete Maurell und spuckte ein abgebissenes Stück Isolierband aus.
»Spuren?«
»Nein. Völlig normal. Leeres Pulsieren. Vor ein paar Wochen muß hier Regen mit einem Restchen Strontium gefallen sein, sicher von dieser letzten Explosion, aber fast alles ist schon weggewaschen, der Zähler reagiert kaum.«
» Und diese Wölkchen?«, fragte der Professor schleppend, wie jemand spricht, der mit den Gedanken anderswo ist. Der Stock, auf den er sich immer fester lehnte, grub sich langsam in den Boden. Mit einer jähen Bewegung entfernte Vinnel das Gesicht von den Okularen.
»Dort sind irgendwelche Körper« - sagte er mit gedämpfter Stimme.
»Ja, ich habe es gesehen.«
» Kann das nicht irgendein Chondrit sein, Herr Professor? « fragte der dritte Mann. Er trat zu ihnen, einen Metallzylinder in den Händen. Von dort lief ein Kabel zu der Ledertasche, die dem Mann von der Schulter herabhing.
»Dann haben Sie wohl noch nie einen Chondriten gesehen!« , zürnte ihm Vinnel. »Das ist überhaupt kein Meteor.«
»Gehen wir?«, fragte Maurell.
Eine Weile standen die übrigen wie unentschlossen. Vinnel klappte seinen Stock zusammen und begann langsam den Hang hinabzusteigen, paßte genau auf, worauf er die Füße setzte. Die drei Begleiter und der Professor querten den seichten Sattel, gingen zwischen zwei Wachtposten durch - während die Soldaten sie reglos anglotzten - und traten auf das verbrannte, rieselnde, ungut zerfallende Gras.
Der Hauptmann stand kurze Zeit auf der Stelle, dann eilte er plötzlich hinterdrein.

Maurell betrat als erster die Bresche in dem Spalier verbrannter Sträucher, bückte sich, hob etwas vom Boden auf, blickte vorwärts und ging langsam auf die dunkle Wölbung zu, dorthin, wo sich ihm ein verkohlter Baumstummel entgegenneigte. Die anderen folgten, sie blieben stehen, die Hände sanken ihnen langsam, als dunkles Grüppchen erstarrten sie alle dem Trichter gegenüber.
Daraus ragte - etwas unterhalb der Stelle, wo sie standen - ein birnenförmiges, doppelt mannshohes Gebilde hervor; seine Oberfläche war vollkommen glatt, wie poliert; aus der Spitze, die sie mit den Blicken nicht erreichen konnten, entströmten feinste kleine Wölkchen oder eigentlich sehr schmale Ringe aus hellem Dampf, die sofort die regelmäßige Kreisform einbüßten und zerflossen, während neue an ihrer Stelle erschienen; dies geschah völlig lautlos.
Doch keiner der Stehenden schaute in die Höhe.
Die spitz nach oben zulaufende und leicht seitlich geneigte Birne war durchsichtig. So schien es im ersten Augenblick. Von der ungemein glatten Oberfläche zurückgeworfen, sammelte sich ein Teil des Lichts zum Spiegelbild des Himmels, der Wolken und des Grüppchens von Menschen, die winzig erschienen, auf Fingergröße verkleinert. Aber ein Teil des Sonnenscheins, der ihnen Rücken und Genick wärmte, drang ins Innere, und wie im immer stärker getrübtes und zur Mitte hin milchigeres Glas getaucht, das stellenweise dunkel perlend widerstrahlte, zeigte sich dort eine längliche Form in Menschengröße; auf der einen Seite endigte sie in zwei länglichen, aneinanderklebenden Kugeln, auf der anderen war sie doppelt gespalten, so, als wären dort vier Beine, zwei längere und zwei kürzere; und all dies lehnte sich gegen etwas wie eine gleichfalls in die Glasmasse eingeschmolzene Hecke; nur ein Ausschnitt daraus war sichtbar, er verschwamm beiderseits in Trübungen und war nur in der Mitte deutlich, wie aus weißesten Korallen gemeißelt. Doch je länger die Stehenden ins Innere der Birne schauten, die regelmäßig Dampfkringel ausschied, um so deutlicher schien sich drinnen die milchige Formengruppe von der umgebenden durchsichtigen Masse zu sondern ; die flüssige Nebelhülle paßte sich enger und enger den Konturen an, freilich spielte sich dies zu langsam ab, als daß jemand eine Bewegung hätte wahrnehmen können; aber die Männer schauten lange Zeit ; endlich drangen durch die Entfernung gedämpfte Rufe der Leute herüber, die auf dem Hügel gegenüber bei den Hubschraubern zurückgeblieben waren; aber auch nun regte sich keiner, denn fortgesetzt klärte sich der Inhalt der Birne, und alle meinten, sie müßten binnen kurzem schon alles ganz genau sehen können. Maurell schüttelte als erster die Versunkenheit ab, mit einem schwachen Ausruf drückte er sich mit der Hand die Augen zu ; so blieb er eine Weile stehen.
»Dort ist jemand drinnen«, hörte er hinter sich sagen.
»Warten Sie«, sagte der Professor .
»Was bedeutet das?«, fragte der Hauptmann, der als letzter gekommen war und nun am nächsten stand, direkt auf der Erdumdämmung, die das durchsichtige Gebilde umgab. Und ehe ihn jemand daran hindern konnte, ging er drei Schritte weiter, die innere Trichterschräge hinab. Er streckte impulsiv die Hand aus, berührte die kristallisch glänzende Oberfläche.
Er fiel dagegen, zusammengeklappt, das Gesicht voran, rutschte wie eine Puppe an der rundlichen Krümmung hinab, schlug mit dem Kopf gegen die Klumpen aufgeworfener Erde und blieb so liegen, den Körper eingekeilt zwischen die Basis der Birne und einen großen, glasigen Ast, der daraus hervortrat und in den Boden eindrang.

Alle schrien auf. Maurell packte den Kollegen an der Schulter, der zum Hauptmann hinspringen wollte, und hielt ihn fest. Sie wichen langsam zurück, Schulter an Schulter. Sie hielten an.
»Wir können ihn nicht so hängenlassen«, rief der dritte Mann, sehr bleich. Er zog ein Kabel aus der Ledertasche, warf es auf die Erde, formte eine Schlinge.
»Was willst du tun?!«, rief Maurell.
»Getser! Bleib stehen!«
»Laß mich vorbei!«
»Geh nicht hin!«
Getser sprang über die Umdämmung des Trichters, blieb drei Schritte vor der Birne stehen und warf das Kabel um den hochgereckten, reglosen Stiefel des Hauptmanns. Beim Zusammenziehen glitt die Schlinge ab, sie kehrte leer zurück. Getser warf nochmals, langsamer. Sie kreiste, schlug gegen die Spiegelfläche und fiel. Alle erstarrten, aber es geschah nichts. Getser trat noch einen Schritt vor, bereits kühner, warf die Schlinge sehr sorgfältig. Mit kurzem Schnalzen schlang sich das Kabel um den Stiefel. Als Getser zu ziehen begann, hatte er schon zwei Helfer. Der Körper des Hauptmanns wackelte, rutschte über die rundliche glasige Oberseite der »Wurzel« und rückte den Hang herauf. Dicht unter dem Wall hoben sie den Körper auf und zerrten ihn auf den Armen weiter. Sie drehten ihn auf den Rücken. Das Gesicht war blaß, Schweiß bedeckte es in großen Tropfen wie Tau. Über Stirn und Wangen strömte Blut.
»Er lebt!« rief Maurell triumphierend.
Er und der zweite Mann knieten nieder und knöpften die Uniform auf, so eilig, daß ihnen die Knöpfe unter den Fingern wegsprangen. Die beiden begannen dem schlaff Liegenden die Arme zu heben und zu beugen und drückten damit regelmäßig auf seine Brust. Der Hauptmann fing plötzlich zu atmen an. Er schnappte krampfig nach Luft und röchelte beim Ausatmen. Sie ließen seine Hände los. Da sanken sie weich ins Gras. Und nun sahen die Männer, daß die rechte Hand, womit er die Kugel berührt hatte, eingeschrumpft und geschwärzt war, wie von Flammen verzehrt. Der Liegende stöhnte, und durch seinen Körper lief krampfhaftes Zittern. Die Männer bandagierten ihm die beim Fallen aufgerissene Stirn, verbanden provisorisch die Hand und riefen zwei Soldaten, die langsam über den Hang herankamen. Als die Soldaten den Bewußtlosen wegtrugen, schaute Maurell auf die Birne und schrie auf.
Alle wandten sich hin.
In Manneshöhe, dort, wo der Hauptmann die glatte Oberfläche berührt hatte, schimmerte in einiger Tiefe darunter eine weiße, verschwommene, doch sich allmählich verfestigende gespreizte Form, so, als wäre dort ein Handteller mit fünf leicht auseinandergestreckten Fingern ins Glas eingegossen.
Maurell ging auf die Birne zu.
Seit er sie zum erstenmal erblickt hatte, war fast eine Viertelstunde verstrichen. Inzwischen hatte sich das Innere noch mehr geklärt. Zwei unzweifelhaft menschliche Körper ruhten darin, wie zwei milchweiße Skulpturen, knapp umflossen von den Verschlingungen der immer trüberen Glasmasse: ein Mann umarmte eine halb aufgerichtet neben ihm liegende Frau, und die aneinandergepreßten kugeligen Köpfe der beiden verschmolzen mit dem zarten Spitzenwerk einer hinter ihnen emporwachsenden Hecke, die weit feiner ausgemeißelt war als die zwei Körper; ja, Maurell erkannte genau eine kleine, vollkommen kugelige Frucht, die über dem Kopf der Frau von einem feinverästelten Zweig herabhing.
Die Gesichtszüge waren jedoch nicht zu unterscheiden, auch nicht die Zeichnung der Hände oder die Art der Kleidung, obwohl sich erkennen ließ, daß beide nicht nackt waren; aber irreführende Trübung umzog die Oberfläche der Körper, und als Maurell sie genauer besah und höchst methodisch mit den Blicken alle Einzelheiten abtastete, bemerkte er sogar Stellen, wo der unfaßliche Bildner gleichsam abgeirrt war: während die Proportionen der Glieder, die Form der Rümpfe und Köpfe, die Pose der erstarrten Umschlingung vollkommen motiviert, getreu und gleichsam natürlich menschlich waren, fand sich hier und da eine unvermutete Entstellung. Aus der schlanken gerundeten Ferse des Mädchens wuchs eine milchige Beule hervor und schien die Fortsetzung des Körpers zu bilden; ähnliche polypenhafte Knollen gewahrte Maurell auch auf dem nackten Unterarm, der den Nacken des Mannes umschlang - und gar erst die einander zugewandten Gesichter schienen von einem ungenau anliegenden Bahrtuch voll gefingerter Schwellungen bedeckt, aus dem gleichen milchweißen Werkstoff, wie er reglos im glasigen Kern der Birne glänzte.

Maurell stand noch so, als ihn ein Ausruf Getsers erreichte; Maurell wandte sich um, das unfaßliche Bild noch in den Augen, und da sah er unter einem verglosten Strauchgerippe die Kollegen über zwei Körper gebeugt, die ähnlich vereint waren wie jene, die er eben betrachtet hatte.
Die Beine knickten unter ihm ein, er konnte kaum gehen.
Kraftlos ließ er sich neben dem Professor auf die Knie sinken. Ein Bursche und ein Mädchen ruhten in einer seichten Mulde, bedeckt von einer dünnen Schicht aus Holzsplittern, Erde und versengtem Laub. Beide waren sonderbar klein, wie verdorrt, durch die Gluthitze geschrumpft; sein verbranntes Hemd und ihr Röckchen schuppten sich unter den bloßen Windstößen, und in der Luft fliegend wahrte diese Asche noch die Form des Webstoffs, sogar seinen Faltenwurf. Maurell schloß die Augen, suchte aufzuspringen, davonzulaufen, denn er spürte, daß ihn Brechkrämpfe packten. Er stolperte, wäre fast hingefallen, jemand packte ihn kräftig, brutal an der Schulter, er wußte nicht, wer.
Wie aus weiter Ferne erreichte ihn die Stimme des Professors: » Ruhig, ruhig. ..«

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aus: Stanislav Lem
Nacht und Schimmel