Hermynia von Mühlen:
Die Brücke




Vor langer, langer Zeit lebte auf einer Insel ein wilder Stamm. Die Menschen waren alle miteinander verwandt, und der Älteste der Familie herrschte als König über die übrigen. Die Insel war wüst und öde, ihre Bewohner lebten in Höhlen und elenden Lehmhütten und kleideten sich in Tierfelle. Sie nährten sich von Fischen und wilden Beeren, verstanden es nicht, den Boden zu bebauen.
Jadni, der König, war ein grausamer und habgieriger Mann, und die Seinen fürchteten ihn alle sehr.

Da geschah es, daß eines Tages ein mächtiges Schiff vom Sturm gezwungen wurde, bei der Insel vor Anker zu gehen. Der Kapitän und die Matrosen kamen an Land, um dort zu warten, bis sich der Sturm gelegt hatte. Als sie die mit Tierfellen bekleideten Inselbewohner und deren elende Lehmhütten sahen, staunten sie sehr, und der Kapitän rief:
»Wie ist es möglich, daß ihr so armselig lebt und euch so schlecht kleidet? Eine Tagereise von hier liegt eine Insel, dort sieht es ganz anders aus als hier. Die Männer der Insel verstehen es, aus Holz und Steinen gar kunstvolle Häuser zu bauen, in denen man gegen Kälte und Sturm geschützt ist, die Frauen aber spinnen und weben herrliche Gewänder, die sie in bunte Farben tauchen, so daß die Bewohner der Insel in ihren Kleidern prächtigen Blumen gleichen. Auch bebauen diese Menschen die Erde, säen und pflanzen allerhand Gewächse, die gar schmackhaft sind und dem Körper Kraft verleihen.«

Jadni und seine Brüder lauschten staunend der Erzählung des Kapitäns, der noch allerlei seltsame Dinge berichtete. Als sich der Sturm gelegt hatte und der Kapitän samt seinen Matrosen auf das Schiff zurückgehen wollte, fragte Jadni:
»Wo liegt die Insel ?«
»Bei gutem Wind eine Tagreise von hier, immer dem Weg der Sonne nach. Wo am Abend die Sonne ins Meer taucht, dort liegt die Insel.«
»Sind die Männer der Insel kriegerisch und gut bewaffnet?« fragte Jadni, und seine Augen funkelten böse.
»Ach nein, sie leben in Frieden miteinander und den Nachbarinseln, verachten den Krieg und halten das Leben der Brüder heilig«, erwiderte der Kapitän.
Damit bestieg er sein Schiff. Ein sanfter Wind blähte die weißen Segel, das Schiff glitt wie eine schimmernde Möwe über die Wellen dahin und verschwand.
Jadni aber und seine Brüder saßen bis spät in die Nacht am Ufer und berieten miteinander .
Am nächsten Tag und die ganze folgende Nacht arbeiteten die Männer an den Schiffen. Als der Morgen graute, fuhren sie aus, mit Speeren und Steinäxten bewaffnet, folgten immer dem Lauf der Sonne. Und da diese wie eine rotglühende Kugel im Meer versank, sahen sie vor sich eine herrliche Insel liegen, geschmückt mit prächtigen Bauten und wogenden üppigen Feldern.
Jadni und seine Brüder warteten, bis es ganz dunkel geworden war, dann legten ihre Schiffe an, sie sprangen an Land, überfielen die Schlafenden, töteten etliche, die sich mit der bloßen Hand zur Wehr setzen wollten, und schleppten etwa die Hälfte der Inselbewohner, Männer und Frauen, auf ihre Schiffe. Nun stießen sie vom Ufer ab und fuhren die ganze Nacht, bis sie wieder ihre Insel erreicht hatten.

Am folgenden Tag hieß Jadni die Gefangenen vor sich führen und sprach also zu ihnen:
»Ich habe gehört, daß ihr schöne Häuser zu bauen versteht und daß eure Frauen prächtige Gewänder weben können. Ihr seid nun alle in meiner Gewalt, müßt meinen Befehlen gehorchen, sonst töte ich euch. Ich aber gebiete euch, für mich und meine Brüder Häuser zu bauen, und eure Frauen mögen Stoffe weben und spinnen für die Frauen meines Hauses.«
Die völlig hilflosen Gefangenen mußten gehorchen. Der stärkste und entschlossenste von ihnen, Trudowik, übernahm die Leitung der Arbeit, Steine wurden herbeigeschafft, Bäume gefällt, und der Bau begann. Als Jadni eines Tages der Arbeit zusah, bemerkte er, daß Trudowik von den Steinen jeden dritten beiseite legte.
» Weshalb legst du jeden dritten Stein beiseite ?« fragte er.
»Aus diesen Steinen will ich für meine Gefährten und mich Häuser bauen«, entgegnete Trudowik.
Da wurde Jadni zornig und schrie ihn an: » Du Dieb! Die Steine gehören mir und meinen Brüdern. Wozu braucht ihr Häuser? Ihr könnt in unsere Höhlen und Lehmhütten ziehen, wenn wir in den neuen Häusern wohnen.«
»Verzeih«, sprach Trudowik, »auf unserer Insel erhielt jede Arbeit den entsprechenden Lohn, wer für andere Häuser baute, besaß auch ein eigenes Haus, und wer das Feld bestellte, auf daß die anderen nicht hungern müssen, der bekam selbst genug zu essen.«
»Das mag auf eurer Insel so sein«, lachte Jadni höhnisch. »Bei uns ist es anders. Genügt euch nicht das Leben als Lohn ? Seht, ich könnte euch töten, tue es aber nicht, verlange für meine Gnade nur, daß ihr für mich arbeitet. Seid also dankbar und zufrieden und verlangt nicht nach Dingen, die euch nicht gebühren.«
Auch den Frauen erging es nicht besser. Sie mußten von früh bis abends weben, spinnen und nähen. Waren die Gewänder fertig und in bunte Farben getaucht, so nahm man sie ihnen fort. Sie selbst mußten in armselige Lumpen gehüllt umhergehen; Jadnis Frau und Töchter jedoch prunkten in den schönen Kleidern.
Als alle Häuser fertig gebaut waren, zogen Jadni und die Seinen in sie ein und lebten dort, geschützt vor Wind und Wetter .Die Gefangenen aber wurden unter Drohungen gezwungen, die Erde zu bestellen und schmackhafte Früchte zu ziehen. Allmählich wurden Jadni und die Seinen immer fauler. Früher hatten sie Fische gefangen, Schiffe gebaut und instand gehalten, Speere geschnitzt. Nun aber sprachen sie untereinander:
»Weshalb sollen wir uns plagen? Die Gefangenen können ja für uns die Arbeit tun.«
Und sie zwangen unter Todesdrohungen die Gefangenen, alle Arbeiten zu verrichten -ausgenommen das Speereschnitzen. Denn die Gefangenen erklärten voller Festigkeit, sie wollten alle lieber sterben als Waffen herstellen, die gegen ihre eigenen Brüder verwandt werden könnten.

Die früher so trostlose und öde Insel verwandelte sich in einen herrlichen Ort. Prächtige weiße und rote und braune Steinhäuser ragten empor, weite Kornfelder schimmerten golden im Sonnenschein, in weiche bunte Gewebe gehüllte Männer und Frauen wandelten feiernd durch die Straßen. Aber die ganze Pracht und Herrlichkeit bestand nur für Jadni und die Seinen. Trudowik und dessen Gefährten und Gefährtinnen, die die Häuser erbaut, die Felder bestellt und die Gewänder gewebt und genäht hatten, hausten elend in den Höhlen und Lehmhütten, erhielten so wenig zu essen, daß sie sich kaum am Leben erhalten konnten, und mußten sich in die alten Fetzen kleiden, die von Jadni und den Seinen fortgeworfen wurden. Bei diesem jämmerlichen Leben erwachte in ihnen immer stärker die Sehnsucht nach der geliebten Heimat, wo Gerechtigkeit herrscht und ehrliche Arbeit belohnt wird. Trudowiks jüngster Bruder, Metschtatel, verfaßte allerlei schöne Lieder zum Preise der teuren Insel. Des Abends sang er sie, vor seiner Höhle sitzend, und spielte dazu auf einem seltsamen Instrument sehnsüchtige Weisen. Jadni, der einmal die Musik vernahm, befahl Metschtatel, von nun an allabendlich in den Palast zu kommen und ihm vorzusingen.
Trudowik und den Seinen erging es immer schlechter, und oft berieten sie miteinander, wie sie in die Heimat zurückkehren könnten. Nun hatte aber Trudowik eine Schwester, die von wunderbarer Schönheit und ebenso klug wie schön war. Jadnis Sohn begehrte sie zum Weibe, aber Toska, so hieß das Mädchen, wollte von dem grausamen, hochmütigen Faulenzer nichts wissen. Alle Bitten und Drohungen waren vergeblich. Da erklärte Jadni eines Tages, wenn Toska nicht bis zum nächsten Vollmond gutwillig das Weib seines Sohnes werde, so würde er alle ihre Brüder töten lassen.
Trudowik und die Seinen hielten nun Rat, was zu tun sei, doch wollte ihnen trotz allem Grübeln und Nachdenken nichts einfallen. Da sprach Toska, die bisher geschwiegen hatte: »Ihr habt töricht gehandelt, indem ihr euch weigertet, Speere zu schnitzen. Hättet ihr das bereits früher erlernt, so wären wir heute nicht hilflos den bewaffneten Inselbewohnern gegenüber. Geht morgen zum König und erklärt, daß ihr bereit seid, Speere zu schnitzen. So werdet ihr ungehindert in die Waffenkammer gelangen können. Damit wir aber noch mehr Zeit gewinnen, müßt ihr die Habgier des Königs reizen, auf daß ihm der Wunsch komme, unsere ganze geliebte Insel zu erobern. Wie dies geschehen soll, werde ich dir, Metschtatel, sagen.«
Und Toska zog sich mit dem jüngsten Bruder in eine Ecke der Höhle zurück.

Am folgenden Tag erklärte Trudowik dem König, sie seien bereit, von jetzt an auch Speere zu schnitzen. Jadni und die Seinen freuten sich sehr, denn nun brauchten sie überhaupt keine Arbeit mehr zu tun. Jadnis ältester Sohn führte Trudowik und einen Teil der Gefangenen in die Waffenkammer und unterwies sie im Speereschnitzen.
Als Metschtatel am Abend im Palast erschien, sang er ein Lied, so herrlich, wie er es noch nie gesungen hatte. Er sang von der geliebten Insel, wo die buntesten Blumen blühen und die köstlichsten Früchte reifen, wo immer die Sonne scheint, wo es keinen Winter gibt und Himmel und Meer blau schimmern wie betaute Veilchen. Und alle, die ihm lauschten, empfanden Sehnsucht nach der glücklichen Insel, und die eigene Heimat erschien ihnen häßlich und traurig. Dann aber sang Metschtatel ein zweites Lied; über das Meer wölbt sich eine mächtige Brücke, die den wilden Wogen Trotz bietet. Und die Brücke verbindet die beiden Inseln. Ungefährdet vermögen Jadni und die Seinen, über diese Brücke schreitend, die geliebte Insel zu erreichen. Als Metschtatel verstummte, rief ihn Jadni zu sich und fragte:
»Vermögt ihr tatsächlich eine derartige Brücke zu bauen ?«
»Ja, Herr, doch wird es lange währen, und viele der Unseren werden dabei zugrunde gehen. Dennoch sind wir bereit, den Bau zu wagen, aber wir stellen zwei Bedingungen: daß Toska erst dann das Weib deines Sohnes wird, wenn die Brücke beendet ist, sodann, daß wir als erste über die Brücke schreiten und ihr hinter uns einherzieht.«
Jadni, dessen habgieriges Herz nur an die schöne Insel dachte, die er für sich und die Seinen in Besitz nehmen wollte, ging auf die Bedingungen ein. Und der Brückenbau begann. Er währte fünf Jahre. Viele von Trudowiks Gefährten ertranken im Meer, andere starben an Erschöpfung, denn die Arbeit war furchtbar hart, aber sie opferten freudig ihr Leben, wußten sie doch, daß sie den Brüdern dadurch zur Freiheit verhalfen. An jeder Stelle, an der einer von Trudowiks Gefährten sein Leben verlor, entstand durch Zauberkraft ein mächtiger Brükkenpfeiler, den kein Sturm der Welt und keine noch so gewaltige Meereswoge umzureißen vermochte. Ein Teil von Trudowiks Gefährten aber arbeitete immer noch in der Waffenkammer, und da es lauter gewandte Leute waren, so vermochten sie nun bereits weit bessere Waffen herzustellen als Jadni und die Seinen. Und jeder, der zwei Waffen herstellte, ließ die schlechtere in der Waffenkammer, die bessere trug er heim und vergrub sie in der Erde.

Endlich war die Brücke vollendet. Beim Morgengrauen sollte die Wanderung nach der glücklichen Insel angetreten werden. Jadni und die Seinen bewaffneten sich, lachten im geheimen.
»Wie leicht wird es uns fallen, der unbewaffneten, nichts Böses ahnenden Inselbewohner Herr zu werden. Dann gehört die herrliche Insel uns, und wir haben außerdem noch einmal so viele Knechte wie jetzt. Und wie gut ist es auch, daß die Gefangenen vor uns herziehen; wenn ihre Brüder sie sehen, werden sie vor lauter Freude gar nicht nach uns blicken, und wir werden sie besiegt haben, ehe sie nur an Widerstand zu denken vermögen.«
Als die Gefangenen alle am Brückenkopf standen, lachte Jadni laut auf.
»Weshalb habt ihr euch so in eure Lumpen eingehüllt, ihr Narren? Ihr tragt mir ja alle alten Fetzen der Insel fort.«
Trudowik erwiderte: »Herr, es weht ein eisiger Wind. Ihr in euren warmen Gewändern könnt ihn nicht spüren. Wir aber frieren.«
Doch dies war bloß eine List, denn unter den vielen Lumpen trugen sie alle, sowohl Männer als auch Frauen, Waffen verborgen.
»Nun, so geht denn, ihr Narren!«, rief Jadni, und der Zug setzte sich in Bewegung. Voran schritten die Zerlumpten, und ihnen folgte Jadni mit den Seinen, prächtig gekleidet, Speere in den Händen. Sie hatten nun etwa den halben Weg zurückgelegt. Die Sonne stand hoch am Himmel, und das ganze Meer leuchtete wie flüssiges Gold. Nun erreichten sie eine Stelle, wo unter der Brücke ein furchtbarer Wasserstrudel tobte. Hier hatten beim Brückenbau viele den Tod gefunden. Trudowik und die Seinen machten einen Augenblick halt, entblößten das Haupt und gedachten in Liebe und Dankbarkeit der toten Brüder .
»Vorwärts, ihr Narren !« schrie Jadni und hob seinen Speer, um Trudowik niederzustoßen. Da ereignete sich etwas Seltsames. Die Luft hatte die Todesseufzer der sterbenden Brückenbauer aufbewahrt, und nun verdichteten sich diese Seufzer zu einem undurchdringlichen schwarzen Nebel, der sich plötzlich zwischen die Gefangenen und Jadni und die Seinen niedersenkte.
Trudowik und seine Gefährten nutzten den Augenblick; sie zogen die Waffen hervor, und als sich der Nebel hob, sahen Jadni und die Seinen vor sich nicht mehr hilflose Gefangene, sondern eine Schar Bewaffneter. Ein furchtbarer Kampf entbrannte. Aber Trudowik und seine Gefährten hatten nicht nur die besseren Waffen, es ging auch um ihre Freiheit, während die anderen nur aus Habgier kämpften, und dies verlieh Trudowiks Schar größere Kraft. Als die Sonne unterging,
waren Jadni und die Seinen geschlagen. Viele waren im Meer ertrunken, viele von Trudowik und seinen Gefährten getötet worden, und die wenigen, die noch lebten, flohen voller Angst über die Brücke nach ihrer Insel zurück. Trudowik aber und die Seinen schritten weiter und gelangten auf die glückliche Insel, wo sie mit Jubel empfangen wurden. In der Nacht erhob sich ein gewaltiger Sturm, der die Brücke zerbrach. Der Wind trug die Steine in alle Richtungen, es gab keinen Ort auf der Erde, wohin nicht ein Stein gefallen wäre. Und wenn die Menschen, die für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen, diese Steine finden und nebeneinanderlegen, so bauen sie an der neuen, noch weit gewaltigeren Brücke, die alle Länder und alle Meere überspannen und alle Geknechteten in die freie glückliche Heimat führen wird.
Doch dürfen die Menschen auch nicht vergessen, daß Trudowik und die Seinen erst dann die Brücke überschreiten konnten, als sie unter den Lumpen verborgen gute Waffen trugen.

aus: Hermynia von Mühlen:
Der Spatz